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Gruselgeschichte: Das Geisterschiff – Satanic

Das Geisterschiff Satanic
4.8
(124)

Lenard lächelt zufrieden. Er geniesst die Wärme der hellen Mittagssonne, während sein Sohn Brad auf der roten Schaukel des kleinen Spielplatzes über der Stadt hin und her saust. Die schulterlangen braunen Haare des Jungen flattern in der sanften Brise. Seine grauen Shorts und das schwarze Metallica Fan Shirt, das sein Dad ihm zum 11. Geburtstag geschenkt hatte, sind vom ganzen Herumtollen voller Flecken und sandiger Striemen. „Übertreibs nicht Brad! Sonst segelst du mir noch über den Abhang und ich kann dich vom Boden Aufkratzen!“, scherzt Lenard. Der Junge wirft ihm einen schnellen, geschockten Blick zu und beginnt zu Lachen. Für sein Alter hatte er einen recht schwarzen Sinn für Humor, was Lenard an seinem Sohn wohl am meisten mochte.

Als Lenard seinen Blick wieder zurück auf die Stadt – die bunten Häuser und den hohen Kirchturm richtet, legt sich eine eigenartige Stille über den Ort. Nur der dumpfe Hall der Kirchenglocke ist zu hören. Er kneift verwundert die Augen zusammen, als ein plötzlicher Nebel die kleine Stadt grau einzufärben beginnt. Erschrocken springt er von seiner Bank auf. „Brad, komm her zu mir!“ Doch auch von seinem Jungen ist plötzlich nicht mehr übrig als das quietschende Wippen der Schaukel. Die Stadt ist nun kaum noch zu erkennen. Der Atem des Mannes stockt, sowie sich ein tiefes Dröhnen unter die gespenstischen Glockenschläge mischt. „Brad! Brad wo bist du?!“ Das Dröhnen gewinnt schnell an Lautstärke. Es manifestiert sich zu einem gewaltigen Schatten, der durch den Nebel auf ihn zu schwebt. Der mächtige Rumpf eines Schiffes wird sichtbar und Lenard kann sich nicht mehr halten. Beim zurückweichen stolpert er über die Holzverschalung des Sandkastens.

Mit offenem Mund und geweiteten Augen sitzt er im Sand – Die Hand schützend vor seinem abgewandten Gesicht. Gerade als er den Aufprall des Schiffes auf der Anhöhe erwartet, verstummen sämtliche Geräusche. Es dauert einige Sekunden bis Lenard seinen Arm sinken lässt und sich krampfhaft aufrichtet. Kleine Sandkörner rieseln von seiner Kleidung, während er sich hilflos umsieht. Der Nebel hat ihn vollends verschluckt und auch wenn er sich anstrengt, sieht er keine zwei Meter weit. Ein Knacken hinter ihm lässt ihn herumfahren. Vor ihm steht eine altmodisch gekleidete junge Frau, so um die 20 Jahre alt. Ihr gelbes Sommerkleid mit den aufgestickten Rosenmuster ist verblichen und an vielen Stellen zerrissen. Auch wenn ihre makellose, blasse Haut sowie die hochgesteckten, schwarzen Haare sie jung erscheinen lassen, wirkt dieses Mädchen auf Lenard als wäre sie nur noch eine verwelkte Hülle ihrer selbst. „W-er.. Wer sind sie?“, stammelt er. Die Fremde lächelt freundlich, während ihr eine blutrote Träne über die Wange kullert. Auf einmal verliert das Weiss seiner Umgebung an Intensität. Die Frau verschwindet und Lenard steht inmitten eines düsteren Korridors. Links neben ihm eine verlotterte Tür an dem ein Namensschild hängt. Wie loderndes Feuer flackern ihm die Buchstaben entgegen – Brennen sich in sein Gedächtnis. „John Jacob Astor“.

Die Szenerie verwischt augenblicklich und Lenard schreckt in seiner Kajüte hoch. Etwas verwirrt stiert er im Raum umher. War er etwa eingeschlafen? „Lenn.. Hey Lenn?!“ Eine leise, verzerrte Stimme dringt aus dem Funkgerät, das einsam auf Lenn’s Schreibtisch steht. Normalerweise sieht es da ganz anders aus. Etliche Dokumente, Bilder und Auswertungen Meeresbiologischer Daten zieren üblicherweise das bereits bestehende Chaos aus Chipstüten und zerknüllten Red Bull Dosen. Lenard steht aus seinem Bett auf, in dem er eigentlich nur in der neusten Ausgabe der „Geheimnisse des Nord-Atlantiks“ Zeitschrift Blättern wollte, statt einzuschlafen. Er setzt sich schlaftrunken an den Tisch, zieht das Mikrofon vor seine Nase und drückt den „Sprechen-Knopf“.

Lenard: Hey Linda, wie geht’s meinem Honigbienchen?

Linda: *Erschauderter Ausruf* Wuahh, lass den Mist, Lenn! Du weisst doch, dass ich diese ultrakitschigen Kosenamen verabscheue..

Lenard: Entschuldige.. Knuddelbärchen.

Linda: *Würgelaut* *Husten* *Lachen* Du Arsch!

Lenard: Hehehe, kleiner Scherz.. Also Weib – Was verschafft mir die Ehre.

Linda: Schon besser.. Ach nichts Besonderes, ich habe nur gerade an dich gedacht und wollte hören wie es dir geht.

Lenard: Naja ziemlich gut, ich komme voran und werde schon in ein paar Tagen wieder zurück an der Küste sein. Nur..

Linda: Was nur?

Lenard: Mhh.. Ich hatte vorhin diesen Traum. Ich war mit Brad auf einem Spielplatz über einer mir fremden Stadt und plötzlich hüllte mich ein seltsamer Nebel ein. Dann tauchte ein Schiff wie aus dem Nichts auf! Es schwebte in der Luft. Und dann war da dieses.. Mädchen – Verwittert und irgendwie Uralt obwohl sie eigentlich sehr jung aussah.. Sie.. blutete eine einzelne Träne aus dem linken Auge. Dann stand ich plötzlich in einem dunklen Gang und.. Da war dieser Name.. Astor oder so.. Ach und vorgestern Linda – Da hab ich ein kleines, rotes Steinfragment im Wasser treiben sehen. Keine Ahnung was das ist.. Ich werde es Marcus bringen, vielleicht kann er mir mehr darüber sagen.

Linda: Ooookay?.. Klingt ja alles recht spannend.. Naja.. Zu dem Traum: Ich würde da nicht zu viel rein interpretieren. War halt alles dabei, was dich so interessiert: Düsteres Zeug, Blut, Schiffe.. Junge Mädchen..

Lenard: Tzzzz, du wieder *lacht*

Linda: Na stimmt doch.

Lenard: Duuu bist das einzige junge Mädchen, das mich interessiert.

Linda: Das will ich auch hoffen! *kicher* Brad geht es übrigens auch gut – Er hat gerade eine neue Band für sich entdeckt: Ektomorf oder so..

Lenard: Aah ja die kenne ich. Ich sehe, mein Junge ist wirklich wohlgeraten!

Linda: Naja ist schon übel die Band – Aber sicher besser als die Scheisse, die im Radio läuft. Die Kinder kriegen heutzutage einfach nur noch Müll vorgeworfen. Auch in der Glotze kommt nichts Gescheites mehr. Weisst du noch was wir alles für tolle Zeichentrickserien sehen konnten? Gummibärenbande, Extreme Dinosaurs, Duck Tales, Mystic Knights und und und..

Lenard: Hehe.. Vergiss Bob Morane nicht – den Bond der 90er Trickfilme.

Linda: Mhh jaa, den hätte ich fast vergessen..

Lenard: Tja, so ist das eben.. Deswegen müssen wir als Eltern noch mehr Verantwortung übernehmen und die kleinen in die richtigen Bahnen lenken – Zumindest grob..

Linda: Mhmm.. *pause* Ich vermisse dich Lenn.. Brad auch..

Lenard: Jaa ich weiss.. Es dauert ja nicht mehr lange. Schon in.. hmm.. Genau einem Monat werde ich zurück sein. Kannst dir ja den 15. Mai schon mal im Kalender anstreichen und vielleicht irgendwo einen Tisch reservieren?

Linda: Hehe, das ist doch schon längst erledigt. Ich freue mich auf dich.

Lenard: Ich mich au- Uff.. Sch.. Scheisse!

Linda: W-was ist los?!

Lenard: Mein Boot – Es ist irgendwo dagegen getrieben.

Linda: Aber.. Du bist doch mitten auf dem Atlantik?

Lenard: Jaja.. Hm.. Ich gehe kurz nach oben – Bin gleich wieder da. Von meiner Kajüte aus kann ich nicht viel erkennen. Ist echt neblig da draussen.

Linda: Okay.. Pass auf dich auf, ja?

Lenard: Klar Schatz, warte einen Moment.

Schnell begibt sich Lenard zum kleinen Treppchen, das an Deck führt. Dort angekommen weht ihm ein eisiger Lufthauch entgegen. Er beisst schlotternd die Zähne zusammen, da er in der Aufregung ganz vergessen hatte sich eine Jacke überzuziehen. Er schlingt schützend die Arme um seinen Oberkörper und dreht sich dem Bug seines Bootes entgegen. Schlagartig sinkt seine Kinnlade hinunter. Ungläubig und wie in Trance schüttelt er langsam den Kopf bei dem Anblick, der sich vor ihm entfaltet. Er poltert aufgebracht die Treppe runter, greift erneut nach dem Mikrofon und kann kaum in Worte fassen, was ihm gerade durch den Kopf geht.

Lenard: Schatz! D-da ist..

Linda: Was ist los Lenard? Was ist denn da draussen?

Lenard: D-das Schiff Linda! Das verdammte Schiff aus meinem Traum!

Linda: Aha? Ja und was haben die Passagiere gesagt? Ist es ein Frachter?

Lenard: N-Nichts, keine Ahnung.. Es ist wirklich enorm – Sauhoch und bestimmt lang wie ein Fussballfeld!

Linda: Kraass.. Und die Besatzung?

Lenard: Ich weiss nicht.. Es.. hat nicht so ausgesehen, als wäre jemand an Bord. Es treibt einfach still im Wasser. Und die Farbe Linda – Die ist total verblichen – Der Stahl verrostet.. Ich glaube dieses Schiff treibt schon seit Ewigkeiten hier herum.

Linda: Ach was.. Das wäre doch bestimmt jemandem aufgefallen.. So ein grosses Schiff.

Lenard: Ich.. hm keine Ahnung. Aber ich denke.. Ich muss es herausfinden.

Linda: Was.. Du.. Du willst da hoch?!

Lenard: Na klar, was denkst du denn?

Linda: Lenard.. Weisst du noch wie ich sagte, dass unsere Hochzeitstorte mit der Kettensäge anzuschneiden, die dämlichste Idee deines Lebens war?

Lenard: Ja?

Linda: Ich nehm’s zurück. DAS ist die dämlichste Idee deines Lebens.

Lenard: Warum denn?

Linda: Na, da treibt mitten im Nirgendwo ein rostiger Frachter mutterseelenallein auf dem Atlantik und du willst da alleine hochklettern und Detektiv spielen? Sag jemandem Bescheid, bevor du irgendwas unternimmst.

Lenard: Ach was! Das ist nur ein altes, leeres Schiff.. Kein verdammtes Geisterschiff.

Linda: Sag. Jemandem. Bescheid. Tu’s für mich okay?

Lenard: Aach na gut.. Ich werde die Küstenwache informieren.

Linda: Da..ke. I.. ach.. ir.. e..ach.. Orge.. m.. ch.

Lenard: Schatz? Die Verbindung bricht ab. Hallo?

*Rauschen*

Nur noch ein leises Rauschen dringt aus den Lautsprechern und begleitet das Geräusch leichter Wellen, die gegen Lenard’s Boot plätschern. Auch als er versucht die Küstenwache oder sonst jemanden zu erreichen, weigert sich das Gerät die Verbindung herzustellen.

„Ach dann leck mich doch du Scheissteil..“, flucht er und schnellt mit einem Schlag auf die Tischplatte von seinem Stuhl hoch. Was sollte er nun machen? Sollte er es einfach wagen? Vielleicht würde die Technik auf dem Frachter ja noch etwas hergeben und er könnte von da aus Kontakt mit dem Festland aufnehmen. Sicher würde er jetzt nicht einfach wieder davon schippern. Sein letztes abenteuerliches Erlebnis – die Begegnung mit einem Bären in den Rocky Mountains – war schon viele Jahre her und Lenard ist auch vom Wesen her keiner, der einfach den Schwanz einzieht und wegläuft. Er würde da hoch gehen und das Schiff untersuchen. Dessen ist er sich sicher. Er greift sich einen kleinen Rucksack, packt zwei Flaschen Wasser, zwei Äpfel und ein wenig Trockenfleisch hinein und zieht seine Wetterfesten Klamotten an – Ein schwarzer Regenmantel, eine gefutterte braune Hose und ein paar schwere wasserdichte Fischerstiefel. Zuletzt greift er sich die Taschenlampe aus der Nachttisch-Schublade und begibt sich wieder an Deck.

Als er auf dem Bug steht und die massive Stahlwand vor sich hochblickt, verzieht er sein Gesicht. „Verdammt.. Wie komme ich denn jetzt da hoch..“ Er strengt seine Augen an um durch die dichte Suppe sehen zu können. Und tatsächlich – Links von ihm – Nicht unweit von seiner Position – Ist an der Aussenhülle eine kleine Leiter angebracht. „Ach.. Was für ein Zufall.. Mhh.. Linda hat schon recht, die Sache stinkt irgendwie. Aber was soll ’s.. Es gibt keine Geisterschiffe..“ Seinen Verstand im Zaum haltend, setzt Lenn den Motor seines Kutters in Gang und fährt wenige Meter der Hülle des Schiffes entlang, bis er vor der Leiter anhält und sein Boot an der untersten Stufe anbindet. Wenn sein Gefühl ihn nicht trügt, müsste er sich auf der Steuerbordseite des Schiffes, nahe dem Heck befinden. Beim hochklettern der eisig kalten Stufen, beschleicht ihn ein ungutes Gefühl – Dennoch gibt er sich nach kurzem Innehalten einen Ruck und fasst genug Mut um bis ganz nach oben zu klettern.

Verunsichert steigt er über die Reling und sieht sich um. Noch immer ist durch den Nebel nicht all zu viel zu erkennen – Leichte Schemen weiterer Schiffdecks, sowie die fahlen Umrisse eines hohen, runden Turms – Wohl ein Rauchabzug. Er läuft staunend und achtsam über das Hauptdeck einer langen, vom höher gelegenen Deck überdachten Veranda entlang, bis zum Bug des Schiffes. Es musste seinem Gefühl zufolge etwa um die 250 Meter lang sein. Seine Stiefel treten immer wieder auf knirschende Steinchen, sowie matschiges Grünzeug. Irritiert rümpft er die Nase. „Wo kommt nur dieser Mist her?“ Nach einer kurzen, unspektakulären Inspektion des Bug’s, begibt sich Lenn zurück zu einer Tür, die ins Innere des Kolosses führt. Bevor er das Schiff jedoch betritt, glaubt er auf dem höchsten Deck einen Schatten zu erkennen, der sich vom milchigen Weiss der Umgebung abzuheben scheint.

„He! Hallo?!“ Seine Stimme klingt in der unheilvollen Stille lauter als beabsichtigt und schwingt getragen von schaurigen Echos in alle Richtungen. Lenard strengt noch einmal seine Augen an, doch als er heftig blinzeln muss, verschwindet die Gestalt – In sekundenschnelle ausradiert von der Szenerie aus blasser Einsamkeit. „Also doch nicht verlassen..“, murmelt er und steigt die rostige Treppe hinab, die sich hinter der Tür befindet. Sie mündet in einen langen, schmalen Korridor. Links und rechts befinden sich etliche Türen mit verblichenen Namensschildern. Lenn zückt seine Lampe und leuchtet beim Voranschreiten die Wände ab. Es ist ruhig. Es riecht nach abgestandenem Wasser und leichter Verwesung. „Das.. Das ist doch kein Frachter. Vielleicht.. ein Passagierschiff?..“ Dann bleibt er verdutzt stehen. Sein Lichtkegel fixiert einen Namen, an den er sich nur zu gut erinnern kann. „John Jacob Astor“. Das Schild aus seinem Traum.

Noch bevor er den silbernen Türknauf berühren kann, verspürt er einen betäubenden Druck in seinem Kopf. Er krümmt sich – Lehnt erschöpft an die Wand. Leise Stimmen keimen im Korridor auf. Erschrocken sieht er sich um, doch hier ist nichts ausser der Leere des Gangs und einem weichen Teppich.. Ein Teppich? Wo kam denn der plötzlich her? War der Boden nicht grau und verblichen gewesen? Die Stimmen kommen näher – Werden lauter. Lenard kann die Worte verstehen, als sie an ihm vorbei schweben und im Raum von Mr. Astor verschwinden. „John, was ist wenn davon eine Gefahr ausgeht? Was weisst du denn über dieses Ding?“ Lenard folgt den gespenstischen Wortfetzen in das Zimmer. Hier herrscht ein Durcheinander aus von Moos bewachsenen, umgekippten Möbeln und durchweichtem Bettzeug, das kaum noch als solches zu bezeichnen ist. Die Stimmen bewegen sich auf den hinteren Teil des Zimmers zu, wo ein offener Metallbehälter unter einem Bett hervorragt. Davor liegt eine morsche Kommode. Ein rötlicher Schimmer dringt unter ihr hindurch.

„Ich bitte dich James. Glaubst du etwa an Übernatürliches? Grüne Männchen, die uns aus den Tiefen des Alls beobachten? Das ist ein Stein, nichts weiter. Halt ein tolles neues Material oder Erz, das niemand kennt? Deswegen will ich es ja nach New York bringen. Ich kenne da jemanden, der sich mit derlei Dingen auskennt. Vielleicht gibt es noch mehr davon?“ Lenard bewegt sich vorsichtig auf den roten Schein zu und hebt die eingedrückte Kommode an. Er traut seinen Augen kaum. „Das ist der Rest dieses Steins!“ Eine grosse, rote Kugel funkelt ihm entgegen. Wie hypnotisiert betrachtet er sie, bevor seine linke Manteltasche zu vibrieren beginnt. Verwundert greift er hinein und zieht das Steinfragment heraus, das er vor ein paar Tagen gefunden hatte. „Warum ist dieses Teil in meiner Tasche? Habe ich das etwa eingesteckt?“ Das Fragment pulsiert leicht in seiner Hand, bevor es mit einem Ruck dem grossen Stein entgegen schnellt, daran fest haftet und sich perfekt in die abgebrochene Stelle einfügt.

„Oh nein.. Nein, was ist denn jetzt?!“ Die Kugel pulsiert plötzlich in gleissendem Schein und wechselt mit zunehmender Geschwindigkeit ihre Farbe von Rot zu Schwarz und wieder zurück. – Schneller als Lenard begreifen kann. Dann eine heftige Druckwelle. Sie reisst ihn zu Boden – Fegt durch den Raum – Den Korridor – Dringt durch die Decke, sowie den Rumpf des Schiffes und verliert sich dröhnend in den Tiefen des Meeres. Lenard tastet zitternd nach seiner Taschenlampe und richtet sich mühsam wieder auf. Seine Haut kribbelt, wie von einer elektrischen Ladung durchdrungen. Die Kugel hat ihre Leuchtkraft gänzlich verloren.

„Sir? Was tun sie hier?“ Lenn fährt herum – Nicht wagend einen Atemzug zu machen. Vor ihm lehnt ein junger Mann von schmächtiger Statur im Türrahmen. Er trägt ein weisses, zugeknöpftes Hemd mit einer schwarzen Fliege, eine schwarze Hose und vornehme Schuhe. Sein Gesicht wirkt etwas müde und blass aber dennoch sympathisch. Bis auf den sorgfältig gekämmten, ebenfalls schwarzen Kurzhaarschnitt gibt es keine weiteren nennenswerten Merkmale. „W-wo.. wo kommen sie denn her?“ Der Fremde lacht. „Ich? Hehe, ich war doch schon immer hier. Ich bin ein Steward dieses Schiffes. Mein Name ist Ernest.“ „Aber.. wie?“ „Kommen Sie. Das hier ist Mr. Astor’s Gemach und ich glaube kaum, dass Sie hier etwas zu suchen haben. Besitzen Sie einen Pass für die erste Klasse?“ „Äh.. ich weiss nicht..“, gibt Lenard verunsichert zu und tastet seinen schicken Anzug ab. In der rechten Seitentasche befindet sich eine rechteckige, bläuliche Karte aus Papier mit zwei Sternen darauf. „Hier bitte.“ Lenn überreicht dem Steward die Karte. „Das ist ein Ticket für die zweite Klasse, Sir. Keine Berechtigung, sich in den Gemächern der ersten Klasse herumzutreiben. Kommen Sie bitte mit.“ Lenn nickt verlegen.

Er folgt dem Mann durch einen hell beleuchteten Korridor bestehend aus schneeweissen Türen und mit einem dunkelbraunen, gemusterten Teppich. „Wir werden uns nun durch das Treppenhaus und über den Empfangsraum in das Restaurant der 1. Klasse begeben. Sie haben Glück.. Denn heute dürfen sich ausnahmsweise auch Passagiere der 2. und 3. Klasse dort aufhalten. Es findet nämlich eine kleine Feier statt, die ein Gentleman wie Sie, sicher interessieren dürfte.“ Der Gang des jungen Mannes ist etwas steif und auch seine Stimme wirkt kalt und berechnend. Lenn fühlt sich jedoch nicht unwohl in seiner Nähe. Als er sein eigenes, teuer aussehendes Jackett begutachtet, während er dem Steward folgt, schnaubt er zufrieden. Diese Reise war eine wirklich gute Idee gewesen. Aber warum zum Teufel hatte er kein Ticket für die erste Klasse gekauft? Wahrscheinlich wollte er seinen Bekannten nicht als Snob in Erinnerung bleiben. Dennoch – Das Essen, die Lounge und der Saloon der ersten Klasse, in den sie nun gehen würden, waren schon von ordentlicher Qualität. Verdammt.. Er hätte das erste Klasse Ticket nehmen sollen.

„Sir? Bleiben Sie bitte auf Kurs. Ich möchte nicht, dass Sie stolpern und sich verletzen.“ „Oh Entschuldigung, ich war etwas in Gedanken.“ Die beiden betreten das Treppenhaus und bahnen sich ihren Weg durch den Empfangsraum, bis zum Restaurant. Die kurze Reise erscheint Lenn irgendwie sureal – Fast so, als wäre seine Wahrnehmung auf Autopilot geschaltet. Vor dem Eingang des Restaurants reibt er sich irritiert die Augen, während die seltsamen Kopfschmerzen von zuvor wieder zurück kommen. Lenn verzieht eine schmerzerfüllte Grimasse, bevor er in die Knie gezwungen wird. Sobald die Attacke vorüber ist und er sich aufrichtet, ist er wieder von Schwärze umgeben. Nur ein seltsames Klopfen dringt an seine Ohren. Von dem netten Steward keine Spur. Lenn untersucht den regelmässigen, dumpfen Ton an der Wand – Es klingt als würde etwas dagegen schlagen, doch auch als Lenn die Wand abtastet ist nichts weiter zu erkennen. Eine Hand berührt seine Schulter. Abermals erschrickt er und dreht sich um. Dass Lenn bei all Schrecken noch nicht umgekippt ist, ist wahrlich ein Wunder.

„Sir? Ist alles in Ordnung?“ Lenn reibt sich die Stirn. „Ich.. Ich weiss nicht was..“ „Das Restaurant ist gleich da vorne. Setzen Sie sich an einen Platz und ich bringe Ihnen etwas Wasser.“, meint Ernest, berührt Lenard leicht am linken Arm und führt ihn behutsam mit sich. Angeschlagen schüttelt Lenn den Kopf. Seine Realität ist kaum greifbar, doch etwas in ihm fühlt sich geborgen – Hier auf dem Schiff. Er folgt seinem Begleiter in den grossen Saal, dreht sich jedoch zuvor noch zu der vorherigen Geräuschquelle um, die ihm trotz des Szenerie- und Gemütswechsels irgendwie in Erinnerung geblieben ist. Vor der Wand steht in gebeugter Haltung ein etwas runder, kleiner Mann mit blondem Haar und verschwitztem Sacko. Er lehnt mit beiden Händen aufgestützt an der Wand. Sein Kopf schlägt im zwei-sekundentakt dagegen. „Wiederholen, wiederholen, wiederholen, wiederholen, wiederholen.“, brummt er aufgelöst vor sich hin. Lenn wendet sich besorgt dem Steward zu. „Ähh Mister? Was ist mit ihm?“ „Sie dürfen mich ruhig Ernest nennen, Sir. Mr. Bateman behagt wohl die lange Reise nicht, fürchte ich. Aber nun kommen Sie. Der Tisch wartet.“

Sie betreten den grossen Saal. An zahlreichen, von weissen Tüchern überzogenen Tischen, sitzen dutzende in Schale geworfene Männer und Frauen mit teuren Anzügen, eleganten Kleidern, sowie verschiedenartigen Hüten in allen Grössen und Variationen. Die Leute scherzen und tuscheln miteinander, während andere im hinteren Bereich des Raumes zu den berauschenden Klängen von Geigen und Klavier tanzen. Der Raum ist hell beleuchtet von vielen runden Lampen, die in kleinen Abständen von der weissen, verzierten Decke hängen. Ausserdem zieren wenige Stützpfeiler den Saal, die, die Decke davon abhält den Gästen auf den Kopf zu fallen. „Hier bitte, Mr. Porter – Nehmen Sie Platz.“ „Woher kennen Sie meinen Namen?“ Ernest schmunzelt. „Nun.. Er steht auf ihrem Ticket, Sir. Machen Sie es sich gemütlich. Ich bin gleich wieder da.“ Leicht aufgeregt wippt Lenn auf seinem Stuhl hin und her. Gedankenleer späht er zu den anderen Gästen und mustert ihre Gesichter. Die Augen dieser Leute.. Mit diesen Augen stimmt irgendwas nicht.

Egal ob die Menschen lächeln, zermürbt wirken oder einfach nur starr ihre Mitmenschen ansehen, wirken ihre Augen leer. Fast so, als hätten sie etwas Grauenvolles gesehen, das nun in ihrer Wahrnehmung der Welt unterbewusst – jedoch ewig präsent ist. Plötzlich durchzieht ein leichter Ruck den Saal. Für kurze Zeit ist ein schleifendes Geräusch zu hören, während die Möblierung ein wenig durchgeschüttelt wird. Die Gäste scheinen das Ereignis kaum wahrgenommen zu haben. Einige hüpften fast heiter kurz auf ihrem Stuhl hoch, als hätten sie die Erschütterung erwartet.

„Hier ist ihr Wasser, Mr. Porter. Ausserdem ein kleiner Snack aus mit Spinat oder Hackfleisch gefülltem Gebäck.“ Lenn kichert. „Hehe, sie sind ein wahrer Dichter, Ernest.“ „Vielen Dank, Sir – ein kleines Mass an Gewitztheit vermag oft die erdrückenden Schatten eines eintönigen Alltags zu vertreiben.“ „Wohl gesprochen Ernest. Wohl gesprochen. Nun, dann werde ich mal reinhauen.“ „Reinhauen, Sir?“ „Ähh, essen. Ich meine essen.“ „Sehr wohl.“, sagt Ernest, deutet eine Verbeugung an und entfernt sich von Lenards Tisch. Dieser ist sichtlich erfreut über die lecker aussehenden Teigtaschen. Als er jedoch einen Bissen herunterschluckt merkt er schnell, dass der Schein oft trügen kann. Dieses Essen hat weniger Geschmack als Leute die denken, Sandalen mit Socken zu tragen sei eine gute Kombination. Leider gibt auch das Wasser nicht viel her – Denn statt des klar aussehenden Getränkes, rinnt ein ranziger und abgestandener Klumpen Schleim seinen Hals hinab.

„Hätten Sie gerne noch eine Portion Maden, sir?“ Lenn fährt zusammen. „W-was?“ „Ich fragte, ob Sie noch eine Portion Gebäck möchten?“ „*Keuch* Ähh.. Nein Ernest. Danke. Aber sagen Sie.. Was ist denn mit diesem Essen los und.. diese Erschütterung von vorhin hatte ich ganz vergessen. Was war denn das?“ „Nun, wenn Sie die Speisen nicht mögen, kann ich Ihnen auch etwas anderes bringen. Ich werde sehen was sich machen lässt, Mr. Porter.“ „Und der Knall? D-dieses Schleifen?“ „Ich weiss nicht wovon Sie reden, Sir. Entschuldigen Sie mich kurz.“ Etwas betrübt räumt der Steward den Tisch ab und entfernt sich mit eiligen Schritten. Derweil macht sich in Lenn’s Körper ein gewisses Unwohlsein breit.

Eine besorgte innere Stimme meldet sich leise aus den Tiefen seines Bewusstseins – Doch bevor Lenn den Worten Beachtung schenken kann, tippt ihm jemand auf die Schulter. „H-Hallo..Darf.. Ich mich zu Ihnen setzen?“ Eine junge Frau in einem gelben Sommerkleid steht neben ihm. Die Arme – Vor ihrer Taille verschränkt, wie bei einem verlegenen Mädchen. Die schwarzen Haare sind zu einer ansehnlichen Frisur hochgesteckt. „N-natürlich..“, stammelt Lenn und weist auf den freien Stuhl links von ihm. Sobald sie sich gesetzt hat, rümpft er die Nase und fragt: „Sie.. Sie kommen mir so bekannt vor, Miss..?“ „Henriksson.. Jennifer Henriksson. Ich glaube nicht das wir uns kennen – A-aber.. Ich wusste, dass Sie kommen. Es freut mich so sehr. Es ist schon lange her, dass..“ „Dass was? Und woher wissen Sie von mir?“ Sie wendet traurig ihr Gesicht ab. „I-ich.. kann es Ihnen *schluchz* nicht sagen..“ Lenn streckt die Hand nach ihr aus, da er befürchtet die Frau könnte gleich anfangen zu weinen.

„Alles gut, heyhey.. Sie müssen nicht antworten. Ruhig atmen.. Ein.. und aus.“ Jennifer folgt seinen Anweisungen und beruhigt sich sichtlich schnell wieder. Verträumt sieht Sie ihm in die Augen. Ihre eigenen wirken genau so seltsam, wie die von allen anderen in diesem Saal. Verblichen und von tiefer Trauer gezeichnet. „Bitte.. Darf.. Ich sie küssen?“, fragt Sie mit einem Blick, der ein fast schon krankhaftes Verlangen birgt. Lenard schüttelt den Kopf. „Nein ich.. Ich kann nicht tut mir Leid. Ich und Linda..“ Wie ein Blitz zuckt der vorherige, dunkle und verlassene Zustand des Schiffes durch den Saal, nur um von einer Sekunde auf die andere wieder einem erhellten und von Menschen gefüllten Raum Platz zu machen. „Was ist mit Ihnen?“ Lenard räuspert sich. „Ich.. Nein.. Mir geht es gut.. Ich kann.. Kann sie nicht küssen.“

„Dann.. Würden Sie dann mit mir tanzen? Nur ein Tanz – Ich bitte Sie.“ Lenn reibt sich die Schläfe. Er nickt. „Ja okay.. Ein bisschen Bewegung würde mir sicher gut tun.“ Erfreut springt Jennifer auf und greift nach Lenards Hand. Eilig zerrt sie ihn mit sich bis auf die Tanzfläche, auf der noch einige weitere Paare eng umschlungen hin und her wippen. Die Musik ist gemütlich und wirkt beruhigend auf Lenn’s überstrapaziertes Gemüt, Jennifer schmiegt sich an seine Brust. Ihre Berührung ist kühl und ihr Geruch alles andere als betörend. Ein irgendwie alter, säuerlicher Duft geht von ihr aus. Dennoch hat Lenn das Gefühl, diesem Mädchen einen Moment tiefer Geborgenheit zu schenken. Etwas, das sie ansichts ihrer hypnotischen Umklammerung seines Körpers noch nie haben durfte. Oder um die Schrecken zu verscheuchen. Die Schrecken, die sich tief in ihre trostlosen Augen gebrannt hatten. Lenn legt seinen Kopf auf den des Mädchens und schliesst die Augen für eine Weile – Geniesst die Nähe. Ein aufsteigendes Wohlgefühl bestätigt seine treibenden Gedanken. Hier ist er richtig. Hier soll er sein.

Als Lenard die Augen wieder öffnet, kann er nicht sagen wie viel Zeit bereits vergangen ist. Nur ein feuchtes Platschen unter seinen Füssen macht ihn stutzig. „Jennifer.. Was ist das?“ Müde hebt sie ihren Blick, sieht auf den Boden und stiert dann aufgeregt in Lenn’s Gesicht. Sie stösst ihn von sich und ist wie ausgewechselt. Ihre Lippen beben voller Furcht. „Sie.. Sie müssen gehen! I-ich will das Sie bleiben aber.. Aber Sie dürfen nicht bleiben!“ „Was ist denn los?!“ Jennifer greift erneut nach Lenards Hand und schleift ihn hinter sich her. Gemeinsam laufen sie auf das Treppenhaus, auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs zum Empfangsraum zu – Vorbei an kichernden und aufgeschreckten untoten Gestalten mit leblosen weissen Augen und aufgerissener Haut aus der eine vermoderte, grüne Brühe tropft. Andere sitzen mürrisch an ihren Plätzen – Verfolgen Lenn und Jennifer mit ihren leeren Blicken. Lenard blinzelt ob des irritierenden Anblicks und sofort scheint alles wieder normal – Nur um beim nächsten Blinzeln wieder die entstellten, hässlichen Fratzen zu erblicken.

Fast beim Treppenhaus angekommen schneidet ihnen eine bekannte Stimme den Weg ab – Lässt die beiden auf der Stelle erstarren. „Mr. Porter? Sie wollen uns schon verlassen?“ Jennifer stellt sich vor Lenn und hebt die Arme. „Ernest! Er muss hier weg! Das weisst du genau so gut wie ich!“ Der Steward macht eine wegwerfende Geste. „Verschwinden Sie auf Ihr Zimmer Mrs. Henriksson.“ Kaum sind die Worte ausgesprochen, verwischt der Körper der jungen Frau, als wäre sie von einem zarten Lüftchen weggeweht worden. „Kommen Sie Mr. Porter. Sie haben noch gar nicht unsere heutigen Spezialitäten probiert. Canapes la Amiral mit Garnelen – Pochierter Lachs mit Schaumsauce – Das gebratene Täubchen auf kresse.. Oder unsere Trüffel Leberpastete an Salat Waldorf. Wen könnte ich denn noch bedienen, wenn Sie nicht mehr hier wären? *Kicher*“

Lenn kommt gar nicht dazu zu antworten und findet sich auf einmal wieder auf seinem Platz vor. Vor ihm auf dem Tisch liegen köstliche Gerichte verstreut, während um ihn herum das Chaos ausbricht. Leute gehen aufeinander los, werfen Gläser und andere Gegenstände im Saal herum – Raufen sich brüllend im Wasser, das nun schon bis zu Lenard’s Gesäss reicht – Oder greifen sich ihre Gabeln und Messer und rammen sie sich gegenseitig in ihre zerfallenen Körper. Lenard schneidet sich ein Stück vom gebratenen Täubchen ab und steckt es sich gemächlich in den Mund. So wohl hat er sich noch nie gefühlt. Auch das Essen ist jetzt wirklich schmackhaft. Wunderbar würzig und erst die knusprige Haut dieses Fleisches – Wow! Ein Traum für seinen Gaumen. „Ach Ernest..“, beginnt er mit vollem Mund, „Könnten Sie bitte das Wasser ablassen – Es stört ein wenig, während ich esse.“ „Das Wasser Mr. Porter.. Natürlich – Ich werde mich gleich darum kümmern.“ Ernest waatet davon.

„Aaah Mr. Bateman, wie geht es Ihnen?“, fragt Lenard, als der kleine, dicke Mann an seinem Tisch auftaucht und seine aufgedunsenen Hände euphorisch auf die Tischplatte hämmert. „Wiederholen, wiederholen, wiederholen, wiederholen, wiederholen!“ Lenn belächelt ihn und isst weiter. Ein tolle Reise ist das. Derweil rollt Ernest ein Wägelchen beladen mit weiteren Tellern kulinarischer Köstlichkeiten durch das knietiefe Wasser zurück zu Lenard. Der Steward presst wütend die Lippen zusammen als er bemerkt, dass Mr. Bateman mit seinem Geplärre den Ehrengast beim Essen stört. Ohne zu zögern packt er ihn unsanft an den Haaren und schmettert sein Gesicht ein paar mal gegen die Tischkante des Nachbartisches. „Wir stören!.. *Bam* Niemanden!.. *Bam* beim Essen!.. *Bam* Mr. Bateman! *Bam*. Wir Stören niemanden beim Essen!“ Sobald Bateman’s Kopf nur noch ein entstellter Klumpen aus Blut und Knochenresten ist, lässt Ernest ihn ins Wasser sinken und stellt sich wieder neben Lenn – Ein treu ergebener Steward durch und durch.

„Wünschen Sie noch ein Gläschen Rotw- Ahhhrgh“ Ein scharfes Küchenmesser, das sich gewaltsam durch seinen Hinterkopf bohrt, unterbricht Ernest mitten im Satz. Die Klinge dringt mit einem schmatzenden Geräusch aus seiner Stirn heraus. Er verdreht die Augen und sackt auf der Stelle zusammen. Hinter ihm erscheint Jennifer. Voller Wut und Abscheu blickt sie auf den im Wasser treibenden Körper des Stewards hinab und wendet sich dann Lenard zu. Dieser lässt sich auch vom Tod seines Kellners nicht vom Essen abhalten. Zufrieden kaut er auf einem Stück pochiertem Lachs herum. Das Mädchen greift zaghaft mit beiden Händen nach Lenn’s Gesicht. Er scheint völlig von der Welt losgelöst. „Sie müssen gehen!“, brüllt Sie ihn an. Lenn kaut weiter. Eine einzelne blutige Träne rinnt über Jennifers Wange, als sie innerlich schon aufzugeben beginnt. Dann nähert sich jemand mit langsamen Schritten und kurz darauf steht ein älterer Mann mit weissem Bart und Kapitänshut vor den beiden. Sein Blick könnte resignierter nicht sein, doch zeigt sich eine Spur von Wärme, als Jennifer an ihm zu rütteln beginnt.

„Mr. Smith! Helfen Sie mir! Sehen Sie, dieser Mann gehört hier nicht her! Er darf nicht bleiben – Bitte tun Sie etwas!“ Smith mustert den Kauenden und legt ihm eine Hand auf die Schulter. Lenard hält abrupt Inne, fast als hätte er sich verschluckt. „Gehen Sie nach Hause mein Sohn. Dieser Ort ist nichts für Lebende.“ Wie von Smith’s väterlicher Stimme aus einem Traum gerissen sieht Lenn erst zu dem Mann hoch und dann zu Jennifer. Er führt langsam eine Hand zu ihrem Gesicht und wischt ihr die Träne von der Wange. Die Lichter des Saals flackern heftig auf, als der Boden langsam und mit einem lautem Ächzen aufzubrechen beginnt. Das Krachen vermischt sich mit markerschütterndem Aufstöhnen zahlloser Untoter, die sich in Lenns Sichtfeld krümmen und winden. Die leise Stimme seines Unterbewusstseins, auf die er in seinem Wahnzustand nicht hören konnte, platzt klar und deutlich in den Vordergrund seines Verstandes. „Beweg deinen Arsch!“ Er springt von seinem Stuhl auf, rennt instinktiv dem Treppenhaus entgegen und stürzt die Stufen hoch. Oben angekommen stürmt er durch eine kleine Tür nach draussen auf die Veranda des Hauptdecks.

Der Nebel hatte sich etwas zurückgezogen, kesselt das Schiff jedoch in einer mächtigen, rötlich milchigen Kuppel ein. Ein Geflecht aus knisternden Blitzen zuckt auf allen Seiten durch die furchterregende Nebelwand. Er braucht einige Momente, um sich zu orientieren und spurtet los. Der Bug des Schiffes ist derweil damit beschäftigt vom Heck abzubrechen und wird nach und nach von den Wassermassen verschlungen. Lenard kratzt all seinen Mut zusammen, nimmt Anlauf und springt über die Bruchstelle auf die andere Seite.

„Auf mein Zeichen!“, ruft eine junge Männerstimme, die jedoch von einem abscheulich anderweltlichen Ton untermalt wird. „Jawohl Mr. Hartley!“, antworten ihm weitere Stimmen. „Drei, zwei, eins..“ Die sanften Klänge einer Violine umschmeicheln Lenn’s Gehör, sowie er der auseinanderbrechenden Veranda entlang rennt, bis sich auch noch andere Instrumente in die Melodie des Liedes „Nearer, My god, to Thee“ einbringen. Gequälte Schreie – Menschen, die hysterisch über die Brüstung springen – sich lachend und weinend ihre faulenden Köpfe raufen, preschen an ihm vorbei – Quellen bei seinem Sprint über das Heck, begleitet von der beruhigenden Musik, aus allen Ecken des Schiffes – Bis er endlich an der Stelle ankommt, wo er sein Boot festgebunden hatte. „Mr. Porter!“ Lenard gefriert in der Bewegung, bevor er sich zu der Stimme umdreht und den unnachgiebigen Steward vorfindet – Das Messer noch immer fest in seinem Kopf verankert.

„Bitte .. lassen Sie mich gehen Ernest! Ich kann ihnen nicht helfen! Ich will hier nicht sterben! Ich habe noch ein Leben – Ein Zuhause – Eine Familie!“ Ein greller Blitz erhellt Ernest’s todbringenden Blick. Für einen Moment bricht seine Miene ein und ein Anflug von Bedauern legt sich über sein Gesicht. Eine Tropfen Blut rinnt aus seinem linken Auge. „Sie dürfen uns hier nicht uns selbst überlassen, Sir! Wir brauchen Sie hier! Hier bei uns!“ „Ich kann nicht! Ich werde sterben und niemandem helfen können! Lass mich gehen – Nur so kann ich herausfinden wie ich euch befreien kann!“ Ernest tritt vor, packt Lenn’s Kehle und schnürt ihm mit unbändiger Kraft die Luft ab. „Nein!“, schreit er und als das Wort seinen Mund verlässt, sieht Lenard nur noch einen kahlen Totenschädel mit tiefschwarzen Augenhöhlen vor sich. „Du gehst nirgendwo hin, Lenard! Du wirst be-“ Eine abrupte Erschütterung unterbricht den Untoten. Sein Griff um Lenn’s Hals lockert sich und auch wenn der Schädel nicht viel Spielraum für Interpretationen übrig lässt, glaubt Lenard das pure Grauen im knochigen Gesicht seines Widersachers zu erkennen. Ihre Köpfe drehen sich langsam der Reling am Ende des Heck’s zu, das sich durch den zur Hälfte abgebrochenen, sinkenden Bug bereits etwas nach oben zu neigen beginnt. Das Meer schäumt auf. Etwas.. kommt aus der Tiefe des Atlantiks empor.

Wie ein schwarzer Berg, umrahmt von einer rot schimmernden Aura türmt sich ein gewaltiger, triefender Schatten hinter dem Schiff auf. Sein Kopf – Geisterhaft und geifernd – So gross wie ein Haus erhebt sich mit schleppenden Bewegungen immer weiter aus dem Wasser, bis ein Riese von einem Dämon über dem untergehenden Schiff thront und mit Augen wie brennende Kohlen die Umgebung absucht. Das Knacken seines mächtigen Kiefers – Wie das Brechen dicker Baumstämme. Lenn nutzt den Moment – so elektrisierend er auch sein mag – schubst Ernest von sich weg und springt nach unten ins eiskalte Wasser.

Es fühlt sich an wie eintausend Messerstiche überall an seinem Körper, doch er verliert keine Zeit. So schnell er kann quält er sich auf sein Boot, bindet es los, schwingt sich vors Steuer und drückt den Gashebel so weit nach vorne, wie es nur geht. Der Motor blubbert – Das Boot setzt sich in Bewegung. Etwa in der Hälfte des Weges zur dichten Nebelwand blickt er zurück. Der Riese hatte derweil seinen grässlichen Schlund wie ein Tor zur Hölle aufgerissen und die enormen Krallen seiner verrotteten, langen Arme in den Stahl des Schiffes geschlagen. Einem alles verschlingenden Wirbelsturm gleich dringt ein Sog, so heiß wie die Flammen des Fegefeuers, aus seinem Rachen, der Bruchstücke des Schiffes und schreiende – kreischende Passagiere mit sich reisst, bis sie im Hals des Dämons verschwinden.

Der Sog ist so stark, dass auch Lenn’s Boot Mühe hat, sich fortzubewegen und so wird er über die ungestüme See Stück für Stück zurück zum Schiff getrieben. „Nein, nein, nein!! Fahr weiter! Lass mich jetzt nicht hängen!“ Lenn drückt den Hebel panisch noch fester nach vorne, bis er schliesslich mit einem lauten Knacken abbricht. Mit offenem Mund starrt er auf das Stück in seiner Hand. Der Sturm erfasst plötzlich auch ihn selbst – Zieht ihn aus dem kleinen Raum hinaus. Mit aller Kraft hält er sich an der Eingangstür zur Fahrerkabine fest. Sie quietscht und knarrt, bevor sie mit einem Knall aus den Angeln bricht und Lenard samt Tür weg gewuchtet wird. Wenige Sekunden später verdunkelt sich seine Sicht. Eine vollkommene Finsternis heisst ihn willkommen.

„Mr. Porter?“ Lenn öffnet die Augen. Er sieht sich um und erkennt, dass er in einem angenehm beleuchteten Raum liegt. Eine gemütliche Kabine. In der Tür steht Ernest, der ihm freundlich zulächelt. „J-ja ich bin wach..“ „Gut. Das Fest ist schon fast angerichtet, wir warten nur noch auf Sie.“ „Okay.. ja ich komme gleich.“, versichert Lenard. Ein roter Tropfen fliesst über seine Wange. Ernest klopft zwei mal aufmunternd an den Türrahmen. „Toll. Dann sehen wir uns gleich.“ Schon will er aufbrechen, da hält er kurz Inne und wendet sich noch einmal Lenard zu.

„Ich freue mich sehr darüber, dass Sie hier sind, Mr. Porter. Willkommen.. Willkommen auf der Titanic.“

CC-BY-SA | Author: SwizzPower
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