Gruselgeschichte: Bitte nicht füttern

Der Hausmeister fand die erste tote Taube an einem Montagmorgen. Sie lag mitten im Innenhof des alten Mietshauses, direkt neben der Kellertreppe. Das Tier hatte keine sichtbaren Verletzungen. Trotzdem war sein Gefieder völlig nass.
Herr Baumann hob die Taube mit einer Schaufel auf und warf sie in einen Müllsack. Dabei bemerkte er etwas auf dem Boden. Neben der Taube lagen kleine schwarze Körner.
Sie sahen aus wie Sonnenblumenkerne. Herr Baumann nahm einen davon zwischen zwei Finger. Das Korn war ungewöhnlich hart und roch leicht süßlich. Er warf es weg und dachte nicht weiter darüber nach.
Direkt unter dem kleinen Lüftungsgitter an der Hauswand stand eine alte, verrostete Metallschüssel. Sie stand dort schon so lange, dass Herr Baumann sie kaum noch beachtete.
Am nächsten Morgen lagen drei tote Tauben im Hof. Wieder waren ihre Federn nass, obwohl es in der Nacht nicht geregnet hatte. Und wieder lagen überall diese schwarzen Körner.
Diesmal führten sie bis zu einem kleinen Lüftungsgitter unten an der Hauswand. Herr Baumann kniete sich davor und leuchtete mit seinem Handy hinein. Hinter dem Gitter lag ein dunkler Schacht. Mehr konnte er nicht erkennen.
Dann hörte er etwas. Ein leises, feuchtes Schmatzen.
Herr Baumann richtete das Licht tiefer in die Öffnung. Das Geräusch hörte sofort auf.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Er stand wieder auf. Wahrscheinlich eine Ratte, dachte er.
Am Mittwochmorgen bemerkte Herr Baumann, dass die alte Metallschüssel unter dem Lüftungsgitter plötzlich mit schwarzen Körnern gefüllt war.
Er hob sie auf. Auf dem Boden waren mit roter Farbe drei Wörter geschrieben worden.
BITTE NICHT FÜTTERN
Herr Baumann musste lachen.
„Sehr witzig.“
Wahrscheinlich hatten sich ein paar Jugendliche aus dem Haus einen Scherz erlaubt. Er schüttete die schwarzen Körner in den Müll und stellte die leere Schüssel hinter die Mülltonnen.
Als er zurück zur Kellertür ging, hörte er hinter sich ein Geräusch. Kratzen.
Er drehte sich um. Das Lüftungsgitter bewegte sich. Nur ganz leicht.
Dann schob sich von innen ein schwarzes Korn durch einen der Schlitze. Es fiel auf den Boden. Ein zweites folgte. Dann ein drittes.
Herr Baumann ging langsam näher.
Plötzlich erschien etwas hinter dem Gitter. Ein Finger. Dünn und grau. Viel zu lang für einen Menschen.
Der Finger schob noch ein schwarzes Korn durch den Schlitz.
Herr Baumann wich zurück.
Im selben Moment flatterte eine Taube in den Innenhof. Sie landete wenige Meter vor dem Gitter. Die Taube entdeckte die Körner. Sie hüpfte näher.
Herr Baumann wollte sie verscheuchen. Doch bevor er etwas sagen konnte, schoss etwas durch das Lüftungsgitter.
Er sah nur einen langen dunklen Arm. Die Taube wurde gepackt. Ein kurzer Flügelschlag. Dann wurde sie gegen das Gitter gezogen.
Herr Baumann hörte Knochen brechen.
Er rannte ins Haus.
Eine Stunde später traute er sich mit einem Besen zurück in den Hof. Die Taube war verschwunden. Vor dem Lüftungsgitter lagen nur noch einige Federn. Sie waren nass.
Jetzt wusste Herr Baumann, woher die toten Tauben kamen. Aber er wusste nicht, was dort unten lebte.
Noch am selben Tag rief er eine Schädlingsfirma. Zwei Männer kamen am Nachmittag.
Sie schraubten das Lüftungsgitter ab und untersuchten den Schacht. Es handelte sich um einen alten Versorgungsschacht, der beim Bau des Hauses für Leitungen benutzt worden war. Er verlief vom Keller mehrere Stockwerke nach oben. Einige kleine Öffnungen führten in Zwischenräume unter den Böden und hinter den Wänden.
„Da könnte ein Marder drin sein“, sagte einer der Männer.
Herr Baumann erzählte ihm, was er gesehen hatte. Der Mann lächelte zuerst. Dann sah er die langen Kratzer an der Innenseite des Gitters. Sein Lächeln verschwand.
Sie leuchteten gemeinsam in den Schacht. Nichts. Nur alte Rohre. Staub. Und schwarze Körner.
Hunderte.
Sie lagen überall auf dem Boden des Schachtes.
Einer der Männer beugte sich hinein.
„Was ist das für Zeug?“
Herr Baumann antwortete nicht.
Plötzlich hörten sie etwas über sich.
Klang.
Beide Männer sahen nach oben.
Klang.
Das Geräusch kam aus dem Schacht.
Klang.
Dreimal.
Als würde etwas mit der Hand gegen eines der alten Rohre schlagen.
Die Männer schraubten das Gitter wieder fest. Sie verlangten kein Geld. Sie wollten nur weg.
In dieser Nacht rief Frau Keller aus dem Erdgeschoss bei Herrn Baumann an. Es war kurz nach zwei Uhr.
„Herr Baumann?“
Ihre Stimme zitterte.
„Was ist los?“
„Da ist etwas in meiner Wand.“
Herr Baumann setzte sich im Bett auf.
„Was meinen Sie?“
„Es kratzt hinter der alten Klappe.“
Herr Baumann wusste, welche Klappe sie meinte. In einigen Wohnungen gab es noch alte Wartungsöffnungen zum Versorgungsschacht. Sie waren mit Metallklappen verschlossen und wurden seit Jahren nicht mehr benutzt. Eine davon befand sich unten an der Wand in Frau Kellers Schlafzimmer.
„Gehen Sie aus dem Schlafzimmer“, sagte Herr Baumann.
Am anderen Ende blieb es still.
„Frau Keller?“
Dann hörte er es durch das Telefon.
Kratz.
Kratz.
Kratz.
Frau Keller begann zu weinen.
„Die Klappe bewegt sich.“
Herr Baumann stand sofort auf.
„Gehen Sie aus der Wohnung. Sofort.“
Dann hörte er ein lautes Knacken.
Frau Keller schrie.
Die Metallklappe schlug gegen den Boden.
„Herr Baumann!“
Ihr Schrei brach plötzlich ab.
Dann hörte er, wie etwas Schweres über den Boden gezogen wurde.
Frau Keller schrie wieder.
Diesmal weiter entfernt.
„Helfen Sie mir!“
Herr Baumann hörte ein dumpfes Poltern.
Dann dieses feuchte Schmatzen.
Und plötzlich war es still.
Die Verbindung brach ab.
Herr Baumann rief sofort die Polizei.
Als er wenige Minuten später vor Frau Kellers Wohnung stand, war ihre Tür noch abgeschlossen. Niemand antwortete.
Die Polizei brach die Tür auf.
Frau Keller war verschwunden.
Ihre Handtasche lag auf dem Küchentisch. Ihr Handy lag im Schlafzimmer auf dem Boden.
Neben ihrem Bett war die alte Metallklappe aus der Wand gerissen worden.
Dahinter führte die Wartungsöffnung direkt in den Versorgungsschacht.
Im Staub vor der Öffnung waren deutliche Schleifspuren zu sehen.
Sie begannen neben Frau Kellers Bett und endeten am Schacht.
Auf dem Boden lagen schwarze Körner.
Und etwas anderes.
Blut.
Die Polizei durchsuchte den gesamten Versorgungsschacht.
Von Frau Keller fehlte jede Spur.
Am nächsten Morgen ließ die Hausverwaltung einen Maurer kommen. Diesmal wurde nicht nur das Lüftungsgitter verschlossen. Alle bekannten Öffnungen zum alten Versorgungsschacht wurden zugemauert. Auch die Wartungsöffnung in Frau Kellers Schlafzimmer.
Der Maurer arbeitete fast den ganzen Tag. Als er die letzte Öffnung im Keller verschließen wollte, rief er Herrn Baumann.
„Schauen Sie sich das mal an.“
Hinter einem alten Rohr steckte etwas. Ein Stück Papier.
Herr Baumann zog es heraus. Es war vergilbt und voller Flecken.
Darauf stand:
An den nächsten Hausmeister.
Darunter war mit zittriger Handschrift geschrieben:
Es lebt im alten Schacht.
Die schwarzen Körner locken die Vögel an. Es schiebt sie nachts nach draußen.
Entfernt die Körner sofort. Lasst keine Vögel in ihre Nähe.
Je mehr es frisst, desto weiter kommt es aus dem Schacht.
Herr Baumann schluckte.
Darunter stand nur noch ein letzter Satz:
Öffnungen schließen. Und niemals füttern.
Herr Baumann dachte an die Metallschüssel.
Die Warnung hatte ein früherer Hausmeister hinterlassen.
Jetzt verstand Herr Baumann endlich, was die drei Worte bedeuteten.
Was auch immer dort unten lebte, durfte niemals gefüttert werden.
Der Maurer verschloss die letzte Öffnung.
Danach war Ruhe. Keine schwarzen Körner mehr. Keine toten Tauben. Kein Kratzen in den Wänden.
Und nachts schlug nichts mehr gegen die Rohre.
Herr Baumann blieb noch zwei Monate. Dann kündigte er.
Er erzählte seinem Nachfolger nichts von Frau Keller oder dem Versorgungsschacht. Er wollte mit dem Haus nichts mehr zu tun haben.
Fast ein Jahr verging.
Der neue Hausmeister hieß Herr Krüger.
Eines Morgens meldete ein Mieter Wasser im Keller. Herr Krüger fand schnell die Ursache. Ein altes Rohr hinter einer zugemauerten Wand war undicht.
Er rief einen Handwerker.
„Da müssen wir ran“, sagte der Mann.
Herr Krüger zeigte auf die Mauer.
„Dann machen Sie auf.“
Der Handwerker nahm einen Bohrhammer. Nach wenigen Minuten entstand ein Loch. Dahinter war nur Dunkelheit.
„Da ist ein alter Schacht“, sagte der Mann.
Er vergrößerte die Öffnung.
Plötzlich rollte etwas aus dem Loch.
Ein kleines schwarzes Korn.
Dann noch eines.
Herr Krüger hob eines auf.
„Was ist das denn?“
Aus dem Schacht kam keine Antwort.
Am nächsten Morgen lag eine tote Taube im Innenhof. Ihr Gefieder war völlig nass.
Daneben lagen schwarze Körner.
Herr Krüger entsorgte den Vogel und ging zurück in den Keller. Er wollte den Handwerker fragen, ob er die Öffnung am Nachmittag wieder zumauern konnte.
Als er an dem Loch vorbeiging, hörte er etwas aus der Dunkelheit.
Klang.
Herr Krüger blieb stehen.
Klang.
Er sah in das Loch.
Klang.
Dann kam langsam ein langer grauer Finger aus der Dunkelheit und schob ein schwarzes Korn aus dem Schacht.


Finde ich persönlich ein bischen schwach, aber doch irgendwie ganz interessant
Okay die war echt unangenehm aber auf eine gute art😊
Ist die mies gefällt mir nicht sorry