Gruselgeschichte: Der Clown unter dem Haus

Ich hatte nie Angst vor Clowns. Auch als Kind nicht. Ich konnte nie verstehen, warum manche Menschen schon nervös werden, wenn sie nur ein weiß geschminktes Gesicht sehen. Heute denke ich manchmal, es wäre besser gewesen, wenn es bei mir anders gewesen wäre.
Vor drei Jahren starb mein Großvater. Er hatte allein in einem alten Haus weit außerhalb eines kleinen Dorfes gewohnt. Meine Mutter wollte nach seinem Tod auf keinen Fall mitkommen. Sie sagte nur, dass sie dort als Kind immer schlecht geschlafen hatte und mit dem Haus nichts mehr zu tun haben wollte.
Also musste ich das Haus allein ausräumen.
Das Haus war größer, als ich es in Erinnerung hatte. Überall roch es nach Staub und altem Holz. Nachts knackten die alten Balken so laut, dass ich mehrmals davon wach wurde. Trotzdem fühlte ich mich dort zunächst nicht unwohl.
Zumindest die ersten beiden Tage nicht.
Am dritten Tag räumte ich den Keller auf. Hinter einem schweren Metallregal bemerkte ich einen schmalen Spalt in der Wand. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn vorher gesehen zu haben. Also schob ich das Regal zur Seite.
Dahinter war eine kleine Holztür.
Sie war so niedrig, dass ich mich hätte hinknien müssen, um hindurchzukommen. Auf dem Holz waren drei Kreise eingeritzt. Darunter stand mit schwarzer Farbe:
NICHT ÖFFNEN, WENN DU LACHEN HÖRST.
Ich musste grinsen. Mein Großvater hatte manchmal einen ziemlich seltsamen Humor und ich hielt das Ganze für einen alten Scherz. Trotzdem legte ich mein Ohr an die Tür und wartete eine Weile.
Nichts.
Kein Lachen und kein anderes Geräusch.
Also öffnete ich die Tür.
Dahinter führte eine schmale Steintreppe nach unten. Das war schon seltsam, denn ich befand mich bereits im Keller. Unter dem Haus hätte eigentlich nur Erde sein dürfen.
Ich nahm mein Handy heraus, schaltete die Taschenlampe ein und ging langsam die Treppe hinunter.
Es waren siebenunddreißig Stufen.
Das weiß ich noch ganz genau.
Unten kam ich in einen runden Raum. Die Wände bestanden aus dunklem Stein und waren feucht. An einigen Stellen war grüner Schimmel zu sehen. Es roch nach nasser Erde und nach etwas anderem.
Etwas Süßlichem.
Fast wie Fleisch, das zu lange in der Wärme gelegen hatte.
Mitten im Raum stand ein alter Holzstuhl.
Darauf saß ein Clown.
Ich blieb auf der letzten Stufe stehen und leuchtete ihn mit meinem Handy an. Er trug einen schmutzigen weißen Anzug mit drei schwarzen Knöpfen. Um seinen Hals hing ein zerfetzter Kragen. Sein Gesicht war weiß und um seine geschlossenen Augen war schwarze Farbe zu sehen.
Über seinen Mund zog sich ein breites rotes Grinsen.
Mein erster Gedanke war, dass es eine Puppe sein musste. Vielleicht hatte mein Großvater das Ding irgendwann dort unten abgestellt und vergessen.
Dann bewegte sich der Clown.
Ganz langsam hob er den Kopf. Dabei knackte sein Hals mehrmals hintereinander. Es klang, als hätte er sich seit Jahren nicht bewegt.
Dann öffnete er die Augen.
Er sah mich direkt an.
Nicht überrascht und auch nicht verwirrt.
Es wirkte, als hätte er die ganze Zeit auf mich gewartet.
„Endlich“, sagte er.
Ich rannte.
Ich weiß bis heute nicht, wie ich so schnell die Treppe hinaufkam. Oben schlug ich die kleine Tür zu und schob sofort das schwere Metallregal davor.
Danach stand ich mitten im Keller und versuchte mir irgendeine Erklärung dafür zu geben. Vielleicht lebte dort unten ein Verrückter. Vielleicht hatte mein Großvater tatsächlich jemanden versteckt. Vielleicht hatte ich durch Staub oder Schimmel irgendetwas eingeatmet und bildete mir alles nur ein.
In diesem Moment war mir jede Erklärung recht.
Dann klopfte etwas unter meinen Füßen.
Dreimal.
Kurz darauf hörte ich seine Stimme durch den Boden.
„Friedrich ist tot. Jetzt kommt der Nächste.“
Friedrich.
So hieß mein Großvater.
Ich blieb keine Minute länger in diesem Haus. Ich fuhr direkt ins Dorf und nahm mir ein Zimmer in einer kleinen Gaststätte. Die Besitzerin hieß Marta. Sie war eine ältere Frau und machte zunächst einen freundlichen Eindruck.
Beim Einchecken fragte sie mich, was ich in der Gegend machte. Ich erzählte ihr, dass ich das Haus meines Großvaters ausräumen musste und nannte seinen Namen.
Sofort verschwand ihr Lächeln.
„Du warst in seinem Keller?“
Ich starrte sie an. Ich hatte ihr überhaupt nichts vom Keller erzählt.
Marta beantwortete meine Frage nicht. Stattdessen ging sie zu einem Schrank und holte eine alte Zeitung heraus. Das Papier war gelb und an den Rändern bereits brüchig.
Der Artikel stammte aus dem Sommer 1966.
Damals war ein Wanderzirkus ins Dorf gekommen. Es sollte nur eine einzige Vorstellung geben. In derselben Nacht verschwanden zwölf Kinder aus dem Dorf.
Marta zeigte mir ein altes Foto der Artisten.
Ganz hinten stand ein Clown.
Weißer Anzug.
Drei schwarze Knöpfe.
Es war derselbe.
Dann zeigte sie mir die Namen der verschwundenen Kinder. Der achte Name war Friedrich Weber.
Mein Großvater.
„Die anderen elf Kinder wurden nie gefunden“, sagte Marta. „Friedrich kam drei Tage später aus dem Wald zurück. Er konnte sich angeblich an nichts erinnern.“
Danach hatte mein Großvater das Dorf kaum noch verlassen. Viele Jahre später kaufte er das alte Haus am Waldrand und lebte dort bis zu seinem Tod.
Ich fragte Marta, was aus dem Zirkus geworden war.
Am nächsten Morgen war er verschwunden.
Keine Wagen. Keine Tiere. Kein Zelt.
Nichts.
Auf der Wiese hatte man nur einen großen schwarzen Kreis im Gras gefunden.
In derselben Nacht fuhr ich wieder zum Haus meines Großvaters. Im Nachhinein weiß ich selbst nicht mehr genau, warum. Wahrscheinlich wollte ich verstehen, was damals passiert war und warum mein Großvater sein ganzes Leben darüber geschwiegen hatte.
In seinem Schlafzimmer fand ich schließlich ein altes Notizbuch. Es steckte zwischen der Matratze und dem Bettrahmen.
Viele Seiten waren leer.
Auf der letzten beschriebenen Seite stand:
Der Clown ist nur das Gesicht, das er mir gezeigt hat. Dahinter steckt etwas anderes. Etwas, das schon hier war, bevor das Dorf gebaut wurde. Als es mich damals zurückschickte, band es sich an mich. Solange ich lebe, bleibt es unten.
Darunter stand noch ein Satz. Die Schrift meines Großvaters war dort kaum noch zu erkennen.
Wenn ich sterbe, wird es sich den Nächsten aus unserer Familie holen.
Mir wurde kalt.
Dann hörte ich aus dem Keller ein leises Lachen.
Ich wollte sofort zur Haustür. In diesem Moment krachte unten etwas zu Boden.
Etwas Schweres.
Ich musste nicht nachsehen, um zu wissen, was es war.
Das Metallregal.
Dann hörte ich Schritte.
Langsam und schleifend kamen sie die Kellertreppe hinauf.
Ich lief aus dem Schlafzimmer in den Flur. Dort blieb ich wie angewurzelt stehen.
Wenige Sekunden später erschien der Kopf des Clowns an der Kellertür.
Dann seine Schultern.
Und schließlich sein Körper.
Er war viel größer als vorher. Seine Arme waren viel zu lang und sein Kopf berührte fast die Decke. Im Raum unter dem Keller war er mir kaum größer vorgekommen als ich selbst.
„Friedrich hat mich lange warten lassen“, sagte er.
Dann begann sein Gesicht aufzureißen.
Zuerst an der Stirn.
Dann an den Wangen.
Da verstand ich, dass das Weiße keine Schminke war.
Es war Haut.
Das Gesicht des Clowns war eine Maske.
Darunter befand sich nichts, was zu einem Menschen gehörte. Ich sah nur eine tiefe schwarze Fläche. Darin bewegten sich kleine rote Punkte.
Je länger ich hineinsah, desto weniger hatte ich das Gefühl, in ein Gesicht zu schauen.
Es wirkte eher wie ein Loch zu einem anderen Ort.
Dann öffnete der Clown den Mund.
Auch darin war nur Dunkelheit.
Und aus dieser Dunkelheit kamen Stimmen.
Kinder redeten durcheinander. Einige weinten. Andere lachten.
Dann hörte ich plötzlich eine Stimme ganz deutlich.
„Lauf.“
Es war mein Großvater.
Danach fehlen mir Teile meiner Erinnerung.
Ich weiß noch, dass ich durch den Wald rannte. Hinter mir hörte ich immer wieder dieses Lachen. Egal wie schnell ich lief, es schien nie weiter weg zu sein.
Am nächsten Morgen fand mich ein Bauer mehrere Kilometer entfernt an einer Landstraße.
In derselben Nacht war das Haus meines Großvaters vollständig abgebrannt.
Später sagte die Feuerwehr, dass unter dem Keller kein weiterer Raum existierte. Es gab keine Steintreppe und auch keine versteckte Kammer.
Gar nichts.
Fast drei Jahre lang passierte nichts.
Bis gestern.
Es war der Geburtstag meiner Tochter. Als ich am Nachmittag nach Hause kam, spielten ungefähr zehn Kinder im Garten. Meine Frau stand auf der Terrasse und unterhielt sich mit einer anderen Mutter.
Zuerst fiel mir nichts Besonderes auf.
Dann sah ich ihn.
Zwischen den Kindern stand ein Mann.
Ein Clown.
Sein Anzug sah sauberer aus als damals. Aber die drei schwarzen Knöpfe erkannte ich sofort.
Keines der Kinder schien ihn zu bemerken.
Er stand einfach nur da und sah mich an.
Dann hob er langsam die Hand.
Und zeigte auf meine Tochter.
Ich rannte sofort zu ihr.
Als ich bei ihr ankam, war der Clown verschwunden.
Meine Frau verstand überhaupt nicht, was mit mir los war. Sie sagte, dass auf der Feier kein Clown gewesen sei.
Später sah ich mir jedes einzelne Foto vom Geburtstag an.
Auf keinem war er zu sehen.
Dann öffnete ich das letzte Bild.
Im Hintergrund war unser Haus zu erkennen. Hinter den Kindern sah man das kleine Kellerfenster.
Dahinter war ein weißes Gesicht.
Heute Morgen fand ich drei eingeritzte Kreise an unserer Kellertür.
Ich habe meiner Frau nichts davon erzählt. Sie würde mir sowieso nicht glauben.
Vor etwa einer halben Stunde brachte sie unsere Tochter ins Bett. Danach ging sie selbst ins Bett.
Seitdem sitze ich allein im Wohnzimmer.
Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Vor ein paar Minuten hörte ich drei Schläge gegen die Kellertür.
Danach war wieder alles still.
Ich wollte gerade nach meiner Tochter sehen.
Dann hörte ich unten ein leises Lachen.
Ein Kind lachte.
Und ich kenne diese Stimme.
Meine Tochter schläft oben.
Aber aus dem Keller ruft sie gerade nach mir.


Boah, die war ja echt unheimlich. Wie soll ich heute Nacht schlafen? Nein spaß war richtig unterhaltsam😉
Etwas schwer verständlich, aber trotzdem richtig gruselig. Aber irgendwie auch komisch