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Gruselgeschichte: Der letzte Fahrgast

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Es war kurz vor Mitternacht, als Jonas in den letzten Bus stieg.

Außer ihm saßen nur drei Leute darin: eine alte Frau ganz vorne, ein Mann mit Kapuze in der Mitte und ein Mädchen ganz hinten. Der Busfahrer trug eine dicke Jacke und saß völlig regungslos da.

Jonas setzte sich ans Fenster, steckte seine Kopfhörer ein und hörte Musik, während der Bus losfuhr.

An der ersten Haltestelle gingen die Türen auf, doch niemand stieg ein oder aus. Eine Stimme sagte etwas, aber Jonas hörte sie kaum, weil seine Musik zu laut war. Kurz darauf schlossen sich die Türen wieder und der Bus fuhr weiter.

An der nächsten Haltestelle öffneten sich die Türen erneut. Draußen war niemand zu sehen und Jonas blickte weiter aus dem Fenster, während er seine Musik hörte. Wenige Sekunden später schlossen sich die Türen wieder.

Ein paar Minuten später sah Jonas nach vorne und bemerkte, dass der Platz der alten Frau leer war. Er hatte überhaupt nicht mitbekommen, wie sie aufgestanden war. Merkwürdig, dachte er, aber er war müde und machte sich keine weiteren Gedanken darüber.

Er nahm die Kopfhörer ab. Im Bus war es plötzlich totenstill und nur das Brummen des Motors war zu hören.

Als der Bus wieder hielt, knackten die Lautsprecher.

„Michael.“

Der Mann mit der Kapuze zuckte zusammen und die Türen öffneten sich. Doch Michael stand nicht auf. Er hielt sich mit beiden Händen an seinem Sitz fest, so fest, dass seine Knöchel weiß wurden.

Die Türen schlossen sich wieder und der Bus fuhr weiter. Plötzlich ging das Licht aus und für einen Augenblick war es stockdunkel. Als es wieder anging, war Michael verschwunden. Auf seinem Sitz lag nur noch seine Jacke, und die Kapuze stand noch immer so, als würde jemand darin sitzen.

Jonas wurde der Mund trocken. Mit zitternden Fingern holte er sein Handy heraus und öffnete die Karte. Sein blauer Punkt bewegte sich nicht auf einer Straße, sondern mitten durch ein schwarzes Feld.

„Hallo?“, rief er nach vorne. „Wo fahren wir hin?“

Der Fahrer antwortete nicht und bewegte sich nicht einmal.

„Der hört dich nicht“, sagte eine leise Stimme hinter ihm.

Jonas drehte sich um und sah das Mädchen an, das müde und sehr ängstlich wirkte.

„Ich bin Lea“, sagte sie. „Hör mir jetzt gut zu. Die Stimme im Bus ruft Namen. Wenn du deinen hörst, musst du sofort aussteigen. Wer sitzen bleibt, den behält der Bus für immer.“

„Das ist doch Quatsch“, flüsterte Jonas.

„Dann geh nach vorne und fass den Fahrer an.“

Jonas ging langsam durch den Gang und seine Beine fühlten sich weich an. Als er dem Fahrer vorsichtig auf die Schulter tippte, kippte die Gestalt zur Seite und die Jacke rutschte vom Fahrersitz auf den Boden. Jonas erschrak, denn in ihr steckte niemand.

Sie war leer.

Trotzdem fuhr der Bus einfach weiter, als würde er überhaupt keinen Fahrer brauchen.

„Da sitzt schon lange niemand mehr“, sagte Lea. „Ich weiß nicht, was mit dem Fahrer passiert ist. Die alte Frau ist auch weg. Ihren Namen hast du nicht gehört, weil du Musik gehört hast.“

Jonas wollte etwas sagen, aber es kam kein Ton heraus.

Wenig später hielt der Bus erneut und die Lautsprecher knackten.

„Lea.“

Sie wurde blass, während sich die Türen öffneten. Draußen war keine Straße, kein Haus und kein einziges Licht zu sehen. Dort war nur tiefe Dunkelheit.

„Da kannst du nicht raus!“, rief Jonas.

„Doch“, sagte Lea leise. „Wer aussteigt, kommt irgendwo an. Aber du weißt vorher nicht, wo. Wer sitzen bleibt, ist für immer weg.“

Lea stieg aus und die Dunkelheit verschluckte sie sofort. Dann schlossen sich die Türen wieder und Jonas war der letzte Fahrgast im Bus.

Er setzte sich auf den Boden direkt vor die Tür und starrte auf den Türspalt. Er hatte solche Angst, dass er kaum atmen konnte. Der Bus fuhr sehr lange durch die Nacht, bis er irgendwann langsamer wurde und die Lautsprecher erneut knackten.

„Jonas.“

Die Türen öffneten sich und draußen stand seine Haltestelle. Dahinter erkannte er seine Straße und sogar sein Haus.

Jonas sprang hinaus und hinter ihm schlossen sich die Türen. Als der Bus davonfuhr, lachte und weinte er gleichzeitig.

Er war gerettet.

Doch dann sah er sich genauer um. Die Bäume waren viel höher als früher und an seinem Haus hing ein fremdes Namensschild. An der Haltestelle klebten mehrere Vermisstenzettel.

Auf jedem war dasselbe Gesicht.

Seins.

Darunter stand: JONAS WEBER – SEIT 17 JAHREN VERMISST.

Jonas starrte auf die Zettel und sah dann auf sein Handy. Das Datum stimmte tatsächlich. Es waren 17 Jahre vergangen, obwohl es sich für ihn nur wie eine einzige Busfahrt angefühlt hatte.

Er rannte zu seinem Haus und drückte auf die Klingel, doch sein Finger ging einfach durch den Knopf hindurch, als wäre er aus Rauch. Als er mit der Faust gegen die Tür schlug, fuhr auch seine Hand durch das Holz und es gab kein Klopfen und kein Geräusch.

„Hallo?“, schrie er. „Macht auf!“

Da ging die Tür von innen auf und eine fremde Frau kam mit einer Einkaufstasche heraus. Sie lief direkt auf Jonas zu. Er wollte ausweichen, doch die Frau ging mitten durch ihn hindurch und es fühlte sich an wie eiskalter Nebel.

Die Frau zuckte zusammen und rieb sich den Arm. „Brr, ist das kalt hier“, murmelte sie und ging weiter, ohne sich umzusehen.

„Ich heiße Jonas!“, schrie Jonas ihr nach. „Wer sind Sie? Können Sie mir helfen?“

Doch sie drehte sich nicht um.

Als ein Nachbar die Straße entlangkam, griff Jonas nach seinem Arm, aber seine Hand griff ins Leere. Der Mann spürte nichts, hörte nichts und sah ihn nicht.

Da verstand Jonas es. Er war aus dem Bus gestiegen, aber er war nicht wirklich zurückgekommen. Für alle anderen Menschen gab es ihn nicht mehr.

Er wollte sich auf die Bank an der Haltestelle setzen, doch er sank einfach durch sie hindurch. Also blieb er dort, allein und unsichtbar, während die Nacht verging und ein neuer Tag begann. Immer wieder gingen Menschen an ihm vorbei oder sogar durch ihn hindurch, ohne ihn zu bemerken.

Als es am nächsten Abend wieder kurz vor Mitternacht war, hörte Jonas plötzlich einen Motor und erstarrte. Der Bus kam die Straße entlang und hielt genau an seiner Haltestelle. Die Türen öffneten sich, doch im Inneren brannte kein Licht.

Jonas wollte weglaufen, aber plötzlich bewegten sich seine Beine von selbst.

„Nein“, flüsterte er.

Er versuchte stehen zu bleiben, doch sein Körper gehorchte ihm nicht und zwang ihn, Schritt für Schritt auf den Bus zuzugehen.

In diesem Moment kam ein Junge die Straße entlang, vielleicht 15 Jahre alt und mit Kopfhörern auf den Ohren. Er lief an Jonas vorbei und stieg in den Bus.

„Nicht einsteigen!“, schrie Jonas. „Bitte nicht!“

Aber der Junge hörte nur seine Musik.

Jonas versuchte noch einmal wegzulaufen, doch es ging nicht. Etwas zog ihn zum Bus und zwang ihn, einzusteigen.

Als sein Fuß die erste Stufe berührte, spürte er plötzlich wieder festen Boden unter sich. Jonas blieb erschrocken stehen, denn seit er ausgestiegen war, hatte er nichts mehr richtig berühren können.

Doch den Bus konnte er fühlen.

Nur der Bus war noch echt für ihn.

Jetzt verstand Jonas, dass der Bus ihn niemals wirklich freigelassen hatte.

Seine Beine trugen ihn weiter durch den Gang, bis er ganz vorne am Fahrersitz angekommen war. Neben dem Sitz lag noch immer die leere Jacke, die bei seiner ersten Fahrt zu Boden gerutscht war.

Jonas wollte an ihr vorbeigehen, doch seine Hände griffen von selbst danach.

„Nein“, sagte er.

Er zog die Jacke an. Sie war eiskalt, aber sie passte ihm genau.

Dann setzte er sich auf den Fahrersitz und konnte sich plötzlich nicht mehr bewegen. Er versuchte aufzustehen und die Jacke wieder auszuziehen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.

Die Türen schlossen sich und der Bus fuhr ganz von allein los.

Im Spiegel sah Jonas den Jungen mit den Kopfhörern, der in der Mitte des Busses saß. Sonst war niemand da.

Plötzlich knackten die Lautsprecher. Jonas öffnete den Mund, ohne es zu wollen, und aus den Lautsprechern kam eine Stimme, die er gut kannte.

Es war seine eigene.

„Danke für Ihre Fahrt.“

In diesem Moment verstand Jonas, dass der Bus ihn in der vergangenen Nacht nicht wirklich freigelassen hatte. Irgendetwas hatte ihn die ganze Zeit mit ihm verbunden.

Jonas dachte an die leere Jacke, die er bei seiner ersten Fahrt auf dem Fahrersitz gesehen hatte. Jetzt begriff er, was sie bedeutete. Er war nicht der Erste, den der Bus auf diesen Sitz gezwungen hatte.

Von nun an benutzte der Bus Jonas‘ Stimme.

Er versuchte zu schreien: „Nimm die Kopfhörer ab! Steig aus!“

Doch seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr.

Die Lautsprecher knackten erneut und Jonas sah den Jungen im Spiegel an. Dann öffnete sich sein Mund.

„Tim.“

Der Junge in der Mitte des Busses hörte es nicht.

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