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Gruselgeschichte: Das Mädchen im Spiegel

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Als meine Mutter den alten Spiegel nach Hause brachte, sagte sie, er sei ein Schnäppchen gewesen.

Ich fand ihn von Anfang an unheimlich.

Er war fast zwei Meter hoch, mit einem schweren schwarzen Holzrahmen. Oben waren kleine Gesichter eingeschnitzt. Manche lächelten. Andere sahen aus, als würden sie schreien.

„Der kommt in dein Zimmer“, sagte meine Mutter.

„Warum in meins?“

„Weil sonst nirgendwo Platz ist.“

Super.

In der ersten Nacht stellte ich den Spiegel so, dass ich ihn vom Bett aus nicht sehen konnte.

Trotzdem wachte ich um 3:17 Uhr auf.

Ich wusste nicht warum.

Mein Zimmer war still. Draußen regnete es. Mein Handy lag neben meinem Kopfkissen.

Dann hörte ich ein Geräusch.

Klopf.

Ich setzte mich auf.

Klopf. Klopf.

Es kam nicht von der Tür.

Auch nicht vom Fenster.

Es kam aus der Ecke, in der der Spiegel stand.

Ich schaltete die Taschenlampe meines Handys ein.

Nichts.

Nur mein Zimmer.

Nur der Spiegel.

Ich wollte mich gerade wieder hinlegen, als mir etwas auffiel.

Auf der Spiegelfläche waren drei kleine Abdrücke.

Wie Fingerspitzen.

Von innen.

Am nächsten Morgen erzählte ich meiner Mutter nichts davon.

Sie hätte sowieso gesagt, ich hätte geträumt.

Nach der Schule kam mein bester Freund Ben vorbei. Natürlich zeigte ich ihm den Spiegel.

„Sieht aus wie aus einem Horrorfilm“, sagte er.

„Heute Nacht hat es daraus geklopft.“

Ben grinste.

„Klar.“

„Echt.“

Er stellte sich vor den Spiegel und klopfte dreimal dagegen.

Klopf. Klopf. Klopf.

„Hallo? Ist da jemand?“

„Hör auf.“

Er lachte.

Dann veränderte sich sein Gesicht.

„Was?“, fragte ich.

Ben starrte in den Spiegel.

„Hast du das gesehen?“

„Was?“

Er drehte sich um.

Hinter uns war niemand.

Dann schaute er wieder in den Spiegel.

„Da stand gerade ein Mädchen hinter dir.“

Ich lachte nicht.

Ben auch nicht.

Wir untersuchten den Spiegel. Wir leuchteten dahinter, schoben ihn von der Wand weg und suchten sogar nach irgendwelchen Kameras.

Nichts.

Bevor Ben ging, machte er noch ein Foto von uns beiden vor dem Spiegel.

Später schickte er es mir.

Schau hinter dich.

Ich öffnete das Bild.

Ben und ich standen vor dem Spiegel.

Und zwischen uns war ein Mädchen.

Vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt.

Sehr blass.

Lange schwarze Haare.

Ein weißes Nachthemd.

Das Schlimmste war ihr Gesicht.

Sie hatte keine Augen.

Nur zwei dunkle Löcher.

Ich rief Ben sofort an.

Er ging nicht ran.

Um 3:17 Uhr wachte ich wieder auf.

Diesmal vom Klopfen.

Klopf. Klopf. Klopf.

Ich zog mir die Decke über den Kopf.

Dann vibrierte mein Handy.

Eine Nachricht von Ben.

Bist du wach?

Ich schrieb:

Ja.

Sofort erschienen die drei Punkte.

Dann kam seine Antwort.

Das Mädchen steht bei mir im Flur.

Mein Herz begann zu rasen.

Mach deine Tür zu.

Keine Antwort.

BEN?

Die drei Punkte erschienen wieder.

Verschwanden.

Erschienen wieder.

Dann:

Sie sagt, du sollst in den Spiegel schauen.

Ich tat es nicht.

Keine Chance.

Dann kam noch eine Nachricht.

Bitte.

Und noch eine.

Sie tut mir weh.

Ich sprang aus dem Bett.

„Mama!“

Keine Antwort.

Ich rannte zur Tür.

Sie ging nicht auf.

Ich drückte die Klinke herunter.

Nichts.

Abgeschlossen.

Von außen.

Dann hörte ich hinter mir das Klopfen.

Nicht mehr leise.

BAMM. BAMM. BAMM.

Der Spiegel vibrierte.

Ich wollte schreien.

Plötzlich hörte es auf.

Mein Handy klingelte.

Ben.

Ich nahm ab.

„Ben?“

Zuerst hörte ich nur seinen Atem.

Dann flüsterte er:

„Dreh dich nicht um.“

Mir wurde eiskalt.

„Warum?“

„Weil sie nicht bei mir ist.“

Stille.

„Was meinst du?“

Ben begann zu weinen.

„Auf dem Foto… ich hab noch mal hingesehen.“

Ich konnte kaum atmen.

„Und?“

„Sie stand nicht zwischen uns.“

Langsam hob ich den Blick.

Direkt vor mir stand der Spiegel.

Ben flüsterte:

„Sie stand hinter dir.“

Das Telefon verstummte.

Im Spiegel sah ich mein Bett.

Meine Tür.

Mein Zimmer.

Und mich.

Aber hinter mir war niemand.

Ich atmete aus.

Dann lächelte mein Spiegelbild.

Ich nicht.

Mein Spiegelbild hob langsam einen Finger an die Lippen.

Pssst.

Hinter meinem Spiegelbild erschien das Mädchen.

Sie legte beide Hände auf seine Schultern.

Und mein Spiegelbild begann zu weinen.

Ich wich zurück.

„Was willst du?“

Das Mädchen öffnete den Mund.

Er war viel zu groß.

Schwarz.

Leer.

Dann flüsterte sie:

„Deinen Platz.“

Der Spiegel wurde dunkel.

Etwas packte mich von hinten.

Ich schrie.

Dann war alles still.

Am nächsten Morgen fand meine Mutter mich vor dem Spiegel.

Zumindest dachte sie das.

„Was machst du denn da?“, fragte sie.

Das Mädchen, das aussah wie ich, drehte sich zu ihr um.

„Nichts.“

Meine Mutter bemerkte keinen Unterschied.

Sie bemerkte auch nicht, dass ihre Tochter plötzlich nicht mehr wusste, wie Ben hieß.

Oder dass sie den ganzen Tag nicht ein einziges Mal blinzelte.

Sie bemerkte nicht einmal, dass sie nachts um 3:17 Uhr vor dem Spiegel stand und leise mit jemandem sprach.

Aber Ben bemerkte es.

Als er am nächsten Nachmittag zu Besuch kam, blieb er in meiner Zimmertür stehen.

Das Ding mit meinem Gesicht lächelte ihn an.

„Hey, Ben.“

Ben wurde kreidebleich.

Denn hinter ihr stand der alte Spiegel.

Und darin war ich.

Ich schlug mit beiden Händen gegen das Glas.

Ich schrie seinen Namen.

Ich flehte ihn an, meiner Mutter zu sagen, dass ich noch hier war.

Aber niemand konnte mich hören.

Ben starrte mich an.

Für einen kurzen Moment glaubte ich, er könnte mich sehen.

Dann blickte das Ding mit meinem Gesicht in den Spiegel.

Direkt in meine Augen.

Und lächelte.

Es nahm eine Decke vom Bett.

Langsam hing es sie über den Spiegel.

Das Letzte, was ich sah, war Ben.

Er fragte:

„Warum deckst du den Spiegel ab?“

Das Ding antwortete mit meiner Stimme:

„Weil nachts immer jemand von innen dagegen klopft.“

Dann wurde es dunkel.

Seitdem weiß ich nicht, wie viele Tage vergangen sind.

Vielleicht Wochen.

Vielleicht Jahre.

Hier drin gibt es keine Zeit.

Nur Dunkelheit.

Und manchmal höre ich Menschen auf der anderen Seite.

Meine Mutter.

Ben.

Fremde Stimmen.

Dann schlage ich gegen das Glas.

Dreimal.

Klopf. Klopf. Klopf.

Bis heute hat niemand verstanden, was ich ihnen sagen will.

Aber letzte Nacht war etwas anders.

Jemand stand vor dem Spiegel.

Ganz nah.

Ich konnte seinen Atem auf dem Glas sehen.

Dann zog er die Decke herunter.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit fiel Licht herein.

Ich sah sein Gesicht.

Er sah meines.

Und plötzlich musste ich lächeln.

Denn hinter ihm stand ein neues Bett.

Ein neues Zimmer.

Und an der Wand hing ein Kalender.

Darauf stand das heutige Datum.

Ich hob langsam die Hand.

Er hob seine ebenfalls.

Dann klopfte ich von innen dreimal gegen das Glas.

Und du hast gerade bis zum Ende gelesen.

Also weißt du jetzt, wer vor dem Spiegel steht.

Lizenz: CC-BY-SA 4.0 | Autor: GruselTimo aus Essen

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