Gruselgeschichte: Bring mich nach Hause

Jonas hasst die Nachtschichten im Kino. Aber mit siebzehn und als Aushilfe kann er sich seine Arbeitszeiten nicht wirklich aussuchen. Kurz nach Mitternacht löscht er die letzten Lichter, schließt die Kassenschublade ab und geht über den leeren Parkplatz zu seinem Fahrrad.
Es regnet ein wenig.
Auf der Landstraße nach Hause gibt es nur wenige Laternen. Einige sind kaputt. Rechts und links beginnt direkt der Wald und heute kommt er Jonas irgendwie dichter vor als sonst. Normalerweise fährt sein bester Freund Tobi mit ihm nach Hause. Doch der hat frei.
Also fährt Jonas allein.
Sein Fahrradlicht ist auch keine große Hilfe. Die Batterie ist fast leer und vor ihm flackert nur noch ein schwacher gelber Lichtkegel über die Straße. Jonas tritt kräftiger in die Pedale. Einfach schnell nach Hause.
Nach ungefähr zehn Minuten sieht er jemanden am Straßenrand.
Ein Mädchen.
Sie ist vielleicht in seinem Alter und trägt ein dünnes weißes Kleid. Ihre Haare sind völlig nass. Sie steht einfach da, die Arme um den Körper gelegt und schaut auf den Boden.
Jonas fährt erst an ihr vorbei, bremst dann aber doch.
„Alles okay bei dir?“
Das Mädchen hebt langsam den Kopf.
Im schwachen Licht kann Jonas ihr Gesicht kaum erkennen. Nur dass sie ziemlich blass aussieht.
„Ich muss nach Hause“, sagt sie leise. „Kannst du mich mitnehmen? Es ist nicht weit.“
Jonas bekommt sofort eine Gänsehaut. Er weiß selbst nicht warum. Vielleicht wegen ihrer Stimme. Die klingt so seltsam ruhig.
Trotzdem kann er sie schlecht allein dort stehen lassen.
„Ich hab nur ein Fahrrad. Aber du kannst mitkommen. An der Hauptstraße fährt vielleicht noch ein Nachtbus.“
Das Mädchen schüttelt langsam den Kopf.
„Nicht zur Hauptstraße. Durch den Wald. Da wohne ich.“
Jonas schaut zu dem schmalen Weg zwischen den Bäumen. Er kennt ihn. Früher wurde er öfter benutzt. Seit es den neuen Radweg gibt, geht dort kaum noch jemand entlang.
Und dunkel ist es dort sowieso.
„Na gut“, sagt Jonas. „Ich schiebe.“
Sie gehen in den Wald.
Das Mädchen läuft immer ein paar Schritte vor ihm. Sie sagt kaum etwas. Der Regen hat inzwischen aufgehört, aber überall tropft noch Wasser von den Bäumen. Ab und zu knackt irgendwo ein Ast.
Jonas mag diese Stille nicht.
„Wie heißt du eigentlich?“
„Lena.“
„Und du wohnst wirklich hier mitten im Wald?“
„Schon sehr lange.“
Jonas schaut zu ihr.
Komische Antwort.
„Warst du die ganze Zeit bei dem Regen draußen?“
Lena geht einfach weiter.
Dann sagt sie leise: „Ich warte schon lange.“
„Worauf denn?“
Jetzt bleibt sie kurz stehen.
„Darauf, dass mich jemand nach Hause bringt.“
Jonas lacht etwas unsicher.
„Na, dann hast du ja jetzt jemanden gefunden.“
Lena antwortet nicht.
Nach einer Weile erreichen sie eine kleine Lichtung. Mitten darauf steht ein altes Haus. Das Dach ist teilweise eingebrochen und Efeu wächst über die Wände. Es sieht aus, als hätte dort seit Jahren niemand mehr gewohnt.
Jonas bleibt stehen.
„Das ist dein Zuhause?“
Lena dreht sich um.
Zum ersten Mal fällt das Fahrradlicht direkt auf ihr Gesicht.
Jonas bewegt sich keinen Zentimeter mehr.
Ihre Haut ist grau. An einigen Stellen sieht sie aus, als wäre sie aufgeplatzt. Doch ihre Augen sind schlimmer. Schwarz und leer.
„Danke, dass du mitgekommen bist“, sagt Lena.
Ihre Stimme klingt plötzlich tiefer.
Und da ist noch etwas.
Jonas hört nicht nur Lena sprechen. Da sind andere Stimmen. Männer. Frauen. Kinder.
Alle gleichzeitig.
Sein Fahrrad fällt auf den Boden.
Jonas will wegrennen. Seine Beine machen aber nichts.
Lena kommt näher.
„Ich warte schon so lange auf jemanden, der mich nach Hause bringt.“
Sie lächelt.
„Weißt du, wie lange man warten muss, bis endlich jemand nett genug ist, um mitzugehen?“
Am nächsten Morgen findet ein Wanderer Jonas‘ Fahrrad im Wald.
Es liegt nur wenige Meter von dem alten Haus entfernt.
Jonas ist weg.
Die Polizei durchsucht den Wald und später auch das Haus. Sie finden sein Handy nicht. Seine Jacke auch nicht. Überhaupt gibt es keinen Hinweis darauf, wo er sein könnte.
Tagelang suchen sie.
Nichts.
Nach einigen Wochen wird die Suche eingestellt.
Fast drei Monate später fährt ein Mann kurz nach Mitternacht über dieselbe Landstraße. Es regnet stark und zwischen den Bäumen hängt dichter Nebel.
Plötzlich taucht im Licht seiner Scheinwerfer ein Junge auf.
Er steht am Straßenrand.
Völlig durchnässt.
Der Mann fährt langsamer und hält schließlich an.
„Hey! Alles in Ordnung?“
Der Junge hebt den Kopf.
Es ist Jonas.
Nur sieht er nicht mehr so aus wie früher. Seine Haut ist bleich und grau. Seine Augen wirken dunkel. Fast leer.
„Brauchst du Hilfe?“, fragt der Mann.
Jonas nickt.
„Ich muss nach Hause.“
„Wo wohnst du?“
Jonas hebt den Arm und zeigt auf den schmalen Waldweg.
„Da hinten. Es ist nicht weit.“
Der Mann schaut in den Wald.
„Da komme ich mit dem Auto nicht rein.“
Jonas sagt erst nichts.
Dann lächelt er.
„Dann müssen wir zu Fuß gehen.“
Der Mann stellt den Motor ab, nimmt seine Taschenlampe aus dem Handschuhfach und steigt aus.
Sie gehen gemeinsam in den Wald.
Jonas läuft ein paar Schritte vor ihm.
Genau wie Lena damals.
Immer weiter gehen sie zwischen den Bäumen hindurch. Nach einiger Zeit ist von der Landstraße nichts mehr zu sehen. Auch die Scheinwerfer des Autos sind längst verschwunden.
„Ist es noch weit?“, fragt der Mann.
Jonas bleibt stehen.
Ganz langsam dreht er den Kopf.
„Nein“, sagt er leise. „Sie wartet schon.“
Der Mann bleibt ebenfalls stehen.
„Wer wartet?“
Jonas sagt nichts.
Er dreht sich wieder um und geht weiter.
Der Mann zögert kurz.
Dann folgt er ihm.
Tief im Wald taucht irgendwann das alte Haus zwischen den Bäumen auf.
Vor der Tür steht Lena.
Das weiße Kleid hängt nass an ihrem Körper.
Sie bewegt sich nicht.
Sie wartet einfach.
Erklärung des Endes
Lena war kein normales Mädchen. Sie hatte Jonas an der Landstraße absichtlich angesprochen und ihn mit der Bitte, sie nach Hause zu bringen, immer tiefer in den Wald gelockt. Ihr eigentliches Ziel war das verfallene Haus.
Was dort genau mit Jonas passiert ist, bleibt ein Geheimnis. Klar ist aber, dass er seit dieser Nacht nicht mehr derselbe ist.
Drei Monate später steht Jonas selbst an der Landstraße und verhält sich genauso wie Lena damals. Er wartet auf einen hilfsbereiten Menschen, behauptet, nach Hause zu müssen, und führt ihn anschließend über denselben Waldweg.
Der wichtigste Hinweis ist Jonas’ Satz:
„Sie wartet schon.“
Damit meint er Lena. Sie wartet am alten Haus auf Jonas und den Mann.
Jonas ist also nicht einfach verschwunden. Lena hat ihn zu einem Teil ihres schrecklichen Spiels gemacht. Seit jener Nacht muss er andere Menschen zu ihr in den Wald locken.
Der Mann, der Jonas helfen wollte, ist ihr nächstes Opfer.
Und genau wie bei Jonas beginnt alles mit einem Menschen, der nur helfen wollte.


Tolle Idee und gute Umsetzung.
Haha, wovor hast du Angst? Ist doch bloß eine Geschichte. Und die ist cooooooool😃
Diese geschichte 1st so glaubwürdig, ich bekomme angst😱
Ja es war wirklich so glaubwürdig, ich hab gänsehaut bekommen 😨