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Gruselgeschichte: Folterschmerz

Das Glasauge
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Das Flackern der Deckenlampe in der kleinen Wohnung war kein technischer Defekt. Kathrin wusste es, auch wenn sie es dem Psychiater nicht mehr sagen wollte. Es war ein Vorbote. Jedes Mal, wenn das Licht zuckte, schrumpfte der Raum um sie herum, und die Luft wurde schwerer, gesättigt mit einem Geruch, der dort nicht hingehörte: der beißende Gestank von altem Eisen, feuchtem Beton und getrocknetem Blut.

Sie saß am Küchentisch, die Finger klamm um einen Stift, und schrieb auf ein zerknittertes Blatt Papier. Ihre Hand zitterte.

„Sie müssen verstehen, Frau Weber“, hatte Dr. Aris gestern gesagt, seine Stimme glatt wie polierter Marmor.

„Dass das Gehirn nach einem derartigen Trauma Mechanismen entwickelt, um die Lücken zu füllen. Die Polizei hat den Körper von Herrn Miller gefunden. Er ist tot. Es gibt keine physische Möglichkeit, dass er in Ihrer Wohnung ist.“

Kathrin hatte ihn nur angesehen. Die Augenringe waren tiefe Gräben in ihrem blassen Gesicht.

„Und das Klirren, Doktor? Das Geräusch von Ketten auf Parkett?“

„Auditive Halluzinationen“, hatte er geantwortet und einen Notizblock gefüllt.

„Ein klassisches Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung. Sie sind in Sicherheit.“

Sicherheit. Das Wort schmeckte wie Asche in ihrem Mund. Sie erinnerte sich an den Anfang. An die Zeit, als Sicherheit noch ein Gefühl gewesen war und kein hohles Versprechen. Joey war in ihr Leben getreten wie ein Sonnenstrahl in einen dunklen Raum. Er hatte diese Art zu lächeln, die einem das Gefühl gab, die einzige Person im Universum zu sein.

„Du bist so zerbrechlich, Kathrin“, hatte er ihr eines Abends zugeflüstert, während sie in einem kleinen Café saßen. Er hatte ihre Hand umschlossen, sein Griff fest, aber scheinbar liebevoll.

„Ich werde dich beschützen. Gegen alles und jeden.“

„Ich fühle mich bei dir wirklich sicher“, hatte sie geantwortet und an ihrem Tee genippt.

„Das ist gut. Denn die Welt da draußen ist grausam. Nur wir zwei zählen. Verstehst du das?“

Sie hatte genickt, betrunken von seiner Aufmerksamkeit. Sie träumte von einem Haus mit einem weißen Zaun, von Kindern, die durch einen Garten rannten, und einem Hund, der die Stille der Abende vertrieb.

„Ein großer Garten“, hatte sie eines Tages gesagt, während sie mit ihm auf dem Sofa lag.

„Und ein Haus, in dem wir uns nicht gegenseitig auf den Füßen stehen.“

Joey hatte gelacht, ein kurzes, trockenes Geräusch.

„Bald, mein Schatz. Ich erfülle dir jeden Wunsch. Ich habe bereits etwas im Sinn. Eine Überraschung, die dein Leben verändern wird.“

Die Hochzeit war ein Rausch aus weißer Spitze und falschem Glück. Doch kaum war der Ring an ihrem Finger, begann die Wärme zu schwinden. Es geschah schleichend. Ein zu fester Griff am Oberarm, wenn er sie durch die Menge führte. Ein Blick, der plötzlich so kalt wurde, dass sie instinktiv den Atem anhielt.

„Warum schaust du mich so an?“, hatte sie ihn einmal gefragt, als er sie minutenlang schweigend beobachtet hatte.

„Ich überlege nur, wie lange es dauert, bis du merkst, dass du mir gehörst, Kathrin“, hatte er geantwortet.

Seine Stimme war flach gewesen, ohne jede Emotion.

„Was soll das bedeuten?“

„Nichts. Nur eine Beobachtung. Geh und mach das Abendessen. Ich mag es nicht, wenn es kalt ist.“

Dann kam der Tag der „Überraschung“. Joey war strahlend nach Hause gekommen, in seinen Augen ein Glanz, den sie nicht mehr als liebevoll interpretieren konnte. Er hielt ihr eine seidene, tiefschwarze Augenbinde hin.

„Heute ist es soweit“, sagte er.

„Ich habe unser Traumhaus gefunden. Aber es ist eine Überraschung. Du musst die Augenbinde aufsetzen, bis wir da sind. Vertraust du mir nicht mehr?“

Kathrin hatte gekichert, die Naivität einer Frau, die glaubte, die Liebe könne alles heilen.

„Natürlich vertraue ich dir, Joey.“

„Gut. Dann setz sie auf. Jetzt sofort.“

Die Fahrt dauerte Stunden. Die vertrauten Geräusche der Stadt, das Hupen der Autos und das Rauschen der Autobahn verschwanden. Es wurde stiller, die Luft kühler. Als das Auto schließlich hielt, spürte sie den harten Boden unter ihren Füßen, als er sie herausführte. Der Geruch schlug ihr entgegen, bevor er die Binde löste. Es war kein Duft von frisch gemähtem Gras oder neuer Farbe. Es roch nach Rost. Nach modrigem Beton. Nach etwas Metallischem, das ihr die Nase kitzelte.

Joey riss die Augenbinde ab. Kathrin blinzelte gegen das fahle Licht an. Sie standen nicht vor einem Haus mit Gartenzaun. Sie befanden sich in einer gigantischen, düsteren Halle eines verlassenen Fabrikgebäudes. Überall ragten rostige Stahlträger in die Höhe, und der Boden war von Rissen durchzogen, aus denen schwarzes Wasser sickerte.

„Wo sind wir? Joey, was ist das hier? Wo ist das Haus?“

Bevor sie die Frage beenden konnte, packte er sie an den Haaren und riss ihren Kopf nach hinten. Der Schmerz war ein plötzlicher, weißglühender Blitz.

„Willkommen in deinem neuen Zuhause, Kathrin“, flüsterte er ihr ins Ohr.

Seine Stimme war leer, ein hohles Echo ohne jede Menschlichkeit.

„Hier gibt es keine Nachbarn. Keine Polizei. Nur uns zwei. Und meine Regeln.“

„Joey, bitte! Lass mich gehen! Das ist nicht lustig!“

Er stieß sie zu Boden, sodass sie hart auf dem Beton aufschlug.

„Lustig?“, fragte er und sah auf sie herab, während er langsam seine Krawatte lockerte.

„Das hier ist kein Spiel, Schatz. Das hier ist die Wahrheit. Ich habe dir gesagt, dass ich dir jeden Wunsch erfülle. Mein Wunsch ist es, dich zu besitzen. Vollkommen. Ohne dass die Welt uns stört.“

Die darauffolgenden Wochen waren ein verschwommener Albtraum aus Schmerz und Dunkelheit. Er kettete sie an einen schweren Metallstuhl, der in der Mitte der Halle stand. Die Ketten waren kalt und rieben ihre Handgelenke wund, bis das Fleisch aufplatzte und das Blut in klebrigen Bahnen über ihre Haut lief. Joey war kein einfacher Sadist. Er war ein Künstler des Leids. Er sprach mit ihr, während er sie quälte, als würde er ihr eine Lektion in Gehorsam erteilen.

„Siehst du, Kathrin? Das ist die Essenz unserer Liebe“, sagte er, während er ein glühendes Eisen an ihre Wade drückte.

Sie schrie, ein markerschütterndes Geräusch, das von den hohen Wänden der Fabrik zurückgeworfen wurde.

„Schrei nur“, flüsterte er und sah ihr mit einer fast zärtlichen Miene ins Gesicht.

„Niemand hört dich. Du bist hier ganz allein mit mir. Sag es. Sag mir, dass du mir gehörst.“

„Ich… hasse… dich…“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. Joey seufzte enttäuscht und drückte das Eisen fester in ihr Fleisch. Der Geruch von verbranntem Protein erfüllte die Luft.

„Falsche Antwort. Wir versuchen es morgen wieder.“

Am dritten Tag führte er sie zu einem dunklen Winkel der Halle. Dort, halb verborgen hinter einem Stapel verrosteter Ölfässer, lag ein Bündel aus Lumpen und menschlichem Elend.

„Ich möchte dir jemanden vorstellen“, sagte Joey stolz.

„Das ist Rachel. Meine erste Frau.“

Kathrin erstarrte. Das Wesen, das dort lag, war kaum noch als Mensch zu erkennen. Rachels Gesicht war ein Schlachtfeld aus Narben. Eine Seite ihrer Lippe war grob vernäht, ein Auge war blind und trüb, die Haut war ledrig und von unzähligen Schnitten durchzogen. Ihre Hände waren verkrüppelt, die Finger in unnatürlichen Winkeln verbogen.

„Hallo, Rachel“, sagte Joey und strich ihr sanft über die vernarbte Wange. Rachel zuckte nicht einmal. Ihr Blick war starr, leer, als wäre ihr Geist längst an einen anderen Ort geflohen. Joey wandte sich an Kathrin.

„Wenn du nicht absolut gehorsam bist, Kathrin… wenn du nicht genau das tust, was ich von dir verlange… dann verspreche ich dir, wirst du bald genauso wunderschön aussehen wie Rachel. Möchtest du das? Möchtest du ihre Gesellschaft haben?“

Kathrin konnte nicht antworten. Sie starrte auf Rachel, und in diesem Moment sah sie etwas in den trüben Augen der anderen Frau. Einen winzigen, kaum wahrnehmbaren Funken. In den Stunden, in denen Joey die Fabrik verließ, um Besorgungen zu machen oder in der Stadt sein Leben als charmanter Geschäftsmann vorzutäuschen, begannen sie zu sprechen. Es waren erst nur Flüstern, mühsame Laute, die Rachel mit ihrer beschädigten Kehle hervorbrachte.

„Du… musst… nicht… aufgeben“, krächzte Rachel eines Nachts. Kathrin weinte leise.

„Ich kann das nicht mehr, Rachel. Ich will nur sterben.“

„Nein“, flüsterte Rachel, und ihre Stimme klang wie schleifendes Metall.

„Tod ist… zu einfach. Du musst… ihn… hassen. Hass ist… das Einzige, was… uns wach hält.“

„Wie hast du es so lange überlebt?“, fragte Kathrin.

„Ich habe… beobachtet. Ich kenne… seine Muster. Er ist… stolz. Zu stolz. Er glaubt… wir sind… gebrochen.“

Über die nächsten Monate wurden sie Verbündete. Während Joey sie physisch und psychisch zermürbte, bauten sie im Verborgenen eine Mauer aus gemeinsamem Willen auf. Sie tauschten Informationen aus, analysierten seine Launen, seine Fehler.

„Er trinkt, wenn er sich sicher fühlt“, flüsterte Rachel. „Wenn er trinkt… wird er nachlässig.“

„Ich kann mich kaum bewegen, Rachel. Meine Beine… ich spüre sie kaum noch“, sagte Kathrin, während sie an ihrem Stuhl hing.

„Beweg… deine Seele, Kathrin. Dein Körper… ist nur eine Hülle. Dein Wille… ist die Waffe.“

Der Tag der Befreiung kam an einem schwülen Nachmittag. Die Hitze in der Fabrikhalle war fast greifbar, die Luft stand still. Joey war betrunken. Er hatte eine Flasche teuren Whiskey geleert und war berauscht von seiner eigenen Macht. Er hatte Kathrin stundenlang gequält, eine Serie von kleinen, präzisen Schnitten in ihren Rücken gesetzt, die sie fast in Ohnmacht fallen ließen. In seiner Arroganz hatte er den schweren Werkzeugkasten offen neben ihrem Stuhl stehen lassen. Er dachte, sie sei zu schwach, um auch nur einen Finger zu rühren. Joey drehte ihr den Rücken zu, um sich eine Zigarette anzuzünden. Das Klicken des Feuerzeugs hallte in der Stille der Halle wider. Kathrin spürte den Schweiß, der in ihren Augen brannte. Sie sah den Werkzeugkasten. Ihr Blick glitt zu Rachel, die in der Ecke lag. Rachel sah sie an. In ihren Augen brannte nun ein Feuer, das keine Folter der Welt hätte löschen können. Sie stieß ein plötzliches, gequältes Krächzen aus, ein gellender Schrei, der Joey völlig unvorbereitet traf.

„Verdammt, Rachel! Halt die Fresse!“, fluchte Joey und fuhr herum.

Er machte einen schnellen Schritt auf die Ecke zu, seine Bewegungen leicht schwankend durch den Alkohol. Das war der Moment. Mit einer Kraft, die sie nicht für möglich gehalten hatte, riss Kathrin sich mit einem gewaltigen Ruck los. Die Ketten rasselten ohrenbetäubend, eine der Befestigungen an ihrem Handgelenk riss auf, und sie stürzte fast vom Stuhl, doch ihre Finger schlossen sich um den kalten, schweren Griff eines Zimmermannshammers. Ein Schrei, der all den Schmerz der letzten Monate, all die Demütigungen und die pure, unverdünnte Wut enthielt, entwich ihrer Kehle.

„Jetzt, du Monster!“, brüllte sie.

Sie schwang den Hammer. Die Bewegung war unkoordiniert, aber die Wucht war enorm. Das Metall traf Joey mit einem dumpfen Knall direkt am Hinterkopf. Er sackte zusammen, als hätte jemand die Strippen durchgeschnitten. Er fiel auf die Knie, seine Augen weiteten sich vor ungläubigem Entsetzen. Er versuchte etwas zu sagen, doch nur ein gurgelndes Geräusch drang aus seinem Hals. Kathrin hielt nicht inne. Sie schlug erneut zu. Und wieder. Und wieder. Rachel stürzte sich auf ihn, ihre verkrüppelten Hände klammerten sich an seine Kleidung, während Kathrin den Hammer weiter führen ließ. Es war kein Kampf mehr; es war eine Exekution. Als es vorbei war, lag Joey regungslos in einer Lache aus seinem eigenen Blut. Sein Gesicht, dieses wunderschöne, betrügerische Gesicht, war nun kaum noch zu erkennen. Stille legte sich über die Halle. Eine Stille, die so schwer war, dass sie fast körperlich spürbar war.

„Wir… wir haben es geschafft“, flüsterte Kathrin und ließ den Hammer fallen.

Das Metall klirrte auf dem Beton. Sie schleppten sich gemeinsam nach draußen. Das blendende Sonnenlicht brannte in ihren Augen, die sich an die ewige Dämmerung der Fabrik gewöhnt hatten. Kathrin sank auf das Gras und weinte. Sie weinte, bis ihr die Kehle wehtat, bis sie keine Luft mehr bekam. Doch als sie zu Rachel sah, hörte ihr Weinen abrupt auf. Rachel stand im Licht, und zum ersten Mal sah Kathrin sie in ihrer vollen Grausamkeit. Die Sonne beleuchtete jede Narbe, jedes fehlende Stück Haut, die deformierten Glieder. Rachel blickte an sich herab, sah ihre Hände, die wie Klauen wirkten, und strich sich über das zerfurchte Gesicht. Sie weinte nicht. Ihre Augen waren vollkommen leer.

„Ich kann so nicht zurück, Kathrin“, flüsterte Rachel. Ihre Stimme war brüchig, ein Hauch von Wind in einer Ruine.

„Was meinst du? Wir gehen zum Arzt! Wir gehen zur Polizei! Sie werden uns helfen, Rachel! Es gibt Operationen, Therapien…“ Rachel schüttelte langsam den Kopf.

„Die Welt da draußen… sie sieht nur das, was ich bin. Ein Monster. Ein Wrack. Ich kann nicht mehr in die Augen von Menschen sehen, die nicht wissen, was es bedeutet, dass man seine Seele Stück für Stück herausgerissen bekommt.“

„Das stimmt nicht! Ich bin hier! Ich weiß es! Wir gehören zusammen!“

„Nein“, sagte Rachel und sank auf die Knie. „Für mich gibt es kein Leben mehr da draußen. Nur diese Dunkelheit, die ich in mir trage. Bitte… Kathrin. Bitte. Erlöse mich. Lass mich nicht so weiterleben.“

Kathrin schüttelte den Kopf, Tränen vernebelten ihre Sicht.

„Ich kann das nicht. Ich kann dich nicht töten!“

„Du hast ihn getötet“, sagte Rachel mit einer seltsamen Sanftheit in der Stimme. „Du hast mir bereits geholfen, ihn zu hassen. Jetzt hilf mir, den Schmerz zu vergessen. Bitte. Es ist das letzte Geschenk, das du mir machen kannst.“

Die Bitte war so verzweifelt, so absolut, dass Kathrin keinen Ausweg sah. Mit zitternden Händen und einem Herzen, das unter der Last der Entscheidung fast zerbrach, erfüllte sie den Wunsch. Sie nutzte ein Werkzeug, das sie aus der Fabrik mitgenommen hatte. Es war ein Akt der Liebe, verkleidet als Gewalt. Ein Monat war seitdem vergangen. Kathrin lebte nun in einer kleinen Wohnung am anderen Ende der Stadt. Sie hatte Wochen im Krankenhaus und in der Psychiatrie verbracht. Die Ärzte hatten ihr gesagt, sie sei in Sicherheit. Joey Miller sei tot, sein Körper in der Fabrik gefunden, die Akte geschlossen. Doch die Sicherheit war eine Lüge.

Es hatte vor drei Tagen begonnen. Sie saß in ihrem Wohnzimmer und las ein Buch, als sie es zum ersten Mal wahrnahm. Ein Geruch. Er war subtil, fast unmerklich, doch für jemanden, der ihn tief in sein Mark eingebrannt hatte, war er unüberhörbar. Rost. Feuchter Beton. Eisen. Sie war aufgesprungen, hatte alle Fenster geöffnet, die Wohnung mit Duftkerzen vollgestellt, doch der Geruch blieb. Er schien aus den Wänden zu sickern. Und dann kam das Geräusch. Klirr. Klirr. Klirr.

Ein leises, metallisches Schrammen. Als würde jemand eine schwere Kette über den Boden ziehen. Es kam aus dem Flur.

„Wer ist da?“, hatte sie geschrien, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen.

Keine Antwort. Nur die Stille, die plötzlich so dicht wurde, dass sie kaum atmen konnte. Gestern Nacht war es schlimmer geworden. Kathrin war aus einem tiefen, unruhigen Schlaf erwacht. Sie wollte sich bewegen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Schlafparalyse. Sie lag starr auf ihrem Rücken, die Augen weit geöffnet, und starrte an die Decke. Am Fußende ihres Bettes zeichnete sich eine Silhouette ab. Ein Schatten, der dunkler war als die Nacht selbst. Die Gestalt war groß, die Schultern breit, und sie bewegte sich mit einer langsamen, raubtierhaften Eleganz. Dann hörte sie die Stimme. Sie kam nicht von außen. Sie drang direkt in ihren Kopf, eine kalte, psychopathische Vibration, die ihre Gedanken zerschnitt.

„Glaubst du wirklich, eine kleine Kugel oder ein Hammer könnten mich von dir trennen, Kathrin?“

Kathrin wollte schreien, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt.

„Wir haben uns doch ewige Treue geschworen“, fuhr die Stimme fort, und sie klang fast amüsiert.

„Bis dass der Tod uns scheidet… und darüber hinaus.“

Mit einem verzweifelten Kraftakt gelang es ihr, den Arm zu heben und die Nachttischlampe einzuschalten. Das Licht flackerte kurz, dann leuchtete es auf. Das Zimmer war leer. Doch als sie die Decke betrachtete, stockte ihr der Atem. Dort, genau in der Mitte ihrer Bettdecke, lag ein Stück Stoff. Eine seidene, tiefschwarze Augenbinde. Sie starrte das Tuch an, und plötzlich spürte sie einen eiskalten Atemzug in ihrem Nacken.

„Du hast mich vermisst, mein Schatz“, flüsterte die Stimme direkt an ihrem Ohr.

Kathrin wirbelte herum, doch da war niemand. Nur das Flackern der Lampe, das immer schneller wurde. Sie rannte in die Küche, griff nach dem Papier und dem Stift. Sie musste es aufschreiben. Sie musste die Welt wissen lassen, dass das Grauen nicht mit dem Tod endet. Dass manche Bindungen so krank und so tief sind, dass sie die Grenze zwischen Leben und Tod einfach überwinden. Während sie schrieb, hörte sie es wieder.

Klirr. Klirr. Klirr.

Diesmal kam das Geräusch nicht aus dem Flur. Es kam aus dem Schlafzimmer. Und es wurde lauter. Sie hielt inne. Ihr Atem ging flach. Sie wagte es nicht, aufzusehen, doch sie spürte, wie die Temperatur im Raum sank. Der Geruch von Rost und Eisen wurde so stark, dass sie fast würgen musste.

„Kathrin…“, flüsterte die Stimme nun klar und deutlich im Raum.

„Warum schreibst du? Wir haben doch so viel vor. Ich habe ein neues Haus für uns gefunden. Es ist genau so, wie du es dir immer gewünscht hast. Ein Garten… eine Stille, die niemals endet… und wir beide, für immer aneinandergekettet.“

Kathrin schloss die Augen. Sie sah Rachel vor sich, sah die leeren Augen der Frau, die sie erlöst hatte.

„Ich bin nicht allein“, flüsterte Kathrin zu sich selbst. „Ich bin nicht allein.“

„Oh doch, mein Schatz“, antwortete Joey, und sie spürte, wie eine eiskalte Hand ihre Schulter berührte, die Finger fest, fast liebevoll, genau wie am ersten Tag.

„Du bist ganz allein mit mir.“

Das Licht der Deckenlampe flackerte ein letztes Mal und erlosch dann vollständig. In der absoluten Dunkelheit hörte sie das Geräusch einer Kette, die sich langsam, Zentimeter für Zentimeter, um ihr Handgelenk schloss. Ein metallisches Klicken. Und dann ein sanftes, hasserfülltes Lachen, das die Stille der Wohnung zerriss.

„Zeit für die Überraschung, Kathrin. Setz die Binde auf.“

Lizenz: CC-BY-SA 4.0 | Autor: Sabrina Lamatsch aus Gaildorf
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